„Der verar***t dich“ – Fehlinterpretation von Pferdeverhalten

Als ich als Jugendliche Reitunterricht genommen habe, kam ständig ein Spruch über die Lippen meines Springlehrers: „Jetzt los, der verar***t dich! Beine zu und drüber!“ Damals habe ich lange Zeit einfach reagiert, habe meinem Pferd die Sporen gegeben und ihn über das Hindernis gedrückt. Ob er wollte oder nicht.

Heute trainiere ich anders mit Pferden. Warum? Weil ich erkannt habe, dass der Spruch völliger Blödsinn ist. Denn:

Pferde können uns Menschen nicht vereimern / verschaukeln / verar***en.

Pferde sind geradeaus denkende Wesen. Sie erhalten einen Impuls, z.B. sieht das Auge einen unbekannten Gegenstand. Das Pferdehirn verarbeitet diesen Impuls und das Pferd entscheidet, wie es reagiert. Ist es neugierig, erkundet es das unbekannte Ding. Ist es ängstlich, wendet es sich ab und läuft weg. Ist es dominant, greift es eventuell sogar an. Jedes Pferd reagiert impulsiv, je nach seinem Charakter und seiner vorangegangenen Lernerfahrung.

übermütig

Übermütige Reaktion         Foto:horsemanship4u

Woher weiß ich nun, dass ein Pferd mich nicht verschaukeln kann?

Ein Beispiel: Ich bin auf dem Paddock und möchte mein Pferd einfangen. Kurz bevor ich mein Pferd erreicht habe, das gerade ruhig grast, springt es zur Seite und dackelt ein paar Schritte davon. Es entfernt sich immer genauso weit, dass ich es nicht einfangen kann. Kommt da der Spruch doch zur Geltung?

Nein. Wenn es mich vereimern würde, würde es vorsätzlich und geplant vorgehen. Ein Pferd lebt aber im hier und jetzt, kann also nicht planen. Es reagiert nur, wie es von Natur aus vorgegeben ist. In dem genannten Beispiel sieht das Pferd keinen Vorteil darin, sich einfangen zu lassen. Und wenn der Mensch nicht geklärt hat, dass er die Beine des Pferdes bewegen (Wer-bewegt-wen) sowie seine Richtung bestimmen kann (Vorgabe von Gangart, Richtung und Tempo), bewegt das Pferd den Menschen. Das Pferd hat somit auch kein „Dominanzproblem“, sondern die Führungsverantwortung zwischen Mensch und Pferd ist nicht geklärt. Klar gesagt: das Pferd sieht sich als Führender in der Zweierbeziehung. Nicht mehr, nicht weniger.

Ich kann also getrost vergessen, dass mein Pferd mich verar***t.

Was aber, wenn mein Pferd nun etwas tut, was ich nicht will? Dann muss ich einige Fragen beantworten:

  1. Habe ich die Frage zur Aufgabe falsch gestellt, so dass mein Pferd mich nicht verstanden hat?
  2. Habe ich die falsche Frage gestellt? Stehe / sitze ich richtig? Ist meine Ausrichtung korrekt?
  3. Kennt mein Pferd die Übung schon, oder habe ich zu viel verlangt? Muss ich in kleineren Schritten vorgehen?
  4. Kann mein Pferd die gefragte Übung körperlich erfüllen? Oder hat es Verspannungen oder Schmerzen?
Ablehnende Haltung

Ablehnende Haltung. Hat das Pferd die Aufgabe verstanden?

Generell gilt: Ein Pferd tut nie etwas, um den Menschen zu verärgern.

Pferde haben eine andere Gefühlswelt als wir Menschen. Natürlich kennen sie Freundschaften, können manche Artgenossen überhaupt nicht leiden, finden im Training bestimmte Übungen bessere als andere und können auch – mit Mimik und Gestik – „nein“ sagen. Aber Pferde können nicht planen, einen Menschen zu ärgern.

unzufrieden

Ein „mauliges“ Gesicht. Spaß sieht anders aus.                      Foto: Ponyliebe Fotografie

Daher bitte ich euch: unterstellt eurem Pferd niemals böse Absichten. Es hat sie nicht. Ein Pferd denkt nicht um die Ecke, plant nicht, beabsichtigt nichts. Hier stimmt der Satz: „Es ist ja nur ein Pferd.“ Und das Wörtchen „nur“ ist für mich in diesem Fall sehr positiv.

Suri groß

Aufmerksam und voll bei der Sache

5 Kommentare zu „Der verar***t dich“ – Fehlinterpretation von Pferdeverhalten

  1. Ich sehe das ganz genau so.
    Ich denke einer der größten Missverständnisse zwischen Pferd und Reiter besteht darin, dass viele Menschen sich in unserer heutigen Gesellschaft gar nicht mehr vorstellen können, dass es Lebewesen gibt, die von Grund auf ehrlich sind. IMMER. So wie es bei Pferden eben der Fall ist, sie lügen nie!
    Mein Lieblingssatz ist daher immernoch: Unterstelle einem Pferd niemals menschliches Denken.
    Liebe Grüße 🙂

    • Hallo Krissi,

      danke für deinen Kommentar :). Du hast völlig recht. Der Mensch vermenschlicht das Pferd zu gern. Und warum? Weil es einfacher ist, sich mit bekannten Verhaltensweisen auseinander zu setzen, als unbekannte zu erlernen. Aber wer es schafft, dem Pferd nichts mehr zu unterstellen, sondern sich diesen wahren Antworten zu stellen, ist ein echter Horseman.

      Liebe Grüße,
      akki

  2. Ach ja, ich bin ja auch deiner Meinung, aber man hat es halt so oft gehört, das bekommt man nicht so schnell und so grundlegend raus. Ich ertappe mich auch immer wieder dabei.
    Mein Herr Pony ist jetzt seit fast zwei Wochen bei mir und davor habe ich ihn auch schon ein Weilchen geritten und gekannt. Wir waren so weit, dass er mir auf der Weide entgegen kam, wenn ich 20 m von ihm entfernt stehen blieb und brav und freudig mitging. Und neulich: Da ist er vor mir weggegangen. Nicht schnell und nicht weit, aber deutlich und ich war tief verletzt. Was hab ich falsch gemacht hab ich mich gefragt. Ich glaube ich habe zu viel mit ihm gemacht und er hatte wohl genug vom Roundpen und der Horsemanshiparbeit. Jeden Tag Menschenbesuch und etwas zusammen machen kannte er nicht bisher. Das wollte er mir wohl sagen. Ich hab ihm einen Ruhetag gegönnt und dann war es besser. Außerdem mach ich jetzt einfach einen Tick weniger. Da ist mir das glaube ich gut gelungen, ihm nichts böses zu unterstellen.
    Als ich gestern und letzte Wochen einen neuen Sattel probiert hab gelang mir das weniger gut. Er ist auch noch nicht so ausbalanciert und da ist es eh etwas schwierig auf dem Reitplatz, aber als er dann wie die ganzen Reitschulponys immer bockig Richtung Ausgang wollte, da dachte ich schon: da hat er sich ja was schönes abgeschaut!!!
    Naja, mit etwas Abstand sehe ich es schon etwas differenzierter, vielleicht mag er den Sattel nicht oder findet Reitplatz doof und hat keine Lust darauf. Aber in der Situation fällt einem das manchmal schon ganz schön schwer so überlegt zu bleiben. Aber ich arbeite dran. Den Sattel ausprobieren muss ich halt auf dem Reitplatz. Sicher ist sicher! Da muss er leider durch.
    Gut ist jedenfalls deine Erinnerung daran. So oft wie man gehört hat „der verar***t“ dich doch“, so oft muss man wohl das andere hören, bis es „sitzt“!
    LG Susi

    • Hallo Susi,

      vielen Dank für deinen ausführlichen und tollen Kommentar! Besonders dein letzter Satz hat mich sehr berührt: „So oft wie man gehört hat, dass das Pferd dich verar***t, so oft muss man wohl das andere hören, bis es sitzt.“ Ja, da hast du völlig recht. Das ist mit vielen Dingen im Leben so. Wir unterstellen immer gern, dass jemand anderes uns etwas „Böses“ will, anstatt nach den wahren Gründen für sein Verhalten zu suchen. Und das übertragen wir auch auf das Pferd.

      Zu deinem Pony auf dem Platz: Es ist ganz normal, dass Pferde auf den Ausgang zulaufen. Sie wissen genau, dass sie dort „draußen“ weniger Energie aufwenden müssen als auf dem Platz. Daher übe ich mit jedem Pferd zu Beginn des Trainings, dass es auf Höhe des Ausgangs arbeiten muss, auf der anderen Seite des Platzes eine Pause bekommt. Damit haben die Pferde es schnell raus, dass sie nicht am Tor bleiben sollten ;). Versuch es mal!

      Ganz liebe Grüße,
      akki

  3. Super Tipp. Probier ich morgen gleich mal aus. Leider komme ich noch nicht selbst auf solche Ideen, obwohl sie doch eigentlich so logisch sind. Ich hoffe, dass ich in ein paar Jahren auch so eine gute Horsewoman bin, dass mir das Prinzip so weit in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass ich solche Transfers selber leisten kann.
    Danke Akki

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