Englisch vs. Western – oder Warum die Reitweise nichts über Qualität aussagt

Ist eine Reitweise besser als die andere?

Als ich mit dem Reiten anfing war ich neun Jahre alt. Ich lernte das Reiten und dem Umgang mit den Pferden auf einem klassisch-englischen, ländlichen Reitverein. Die Schulpferde standen in Boxen, liefen täglich 6 Stunden unter verschiedenen Reitschülern und bekamen Hafer und Derby sowie eine Portion Heu zum Frühstück und zum Abendbrot. So stand auch mein erstes Pferd, mein Fuchswallach Robin. Im Sommer ritten wir häufig ins Gelände, im Winter in der Halle. Im Winter wurde der Hafer von seinem Speiseplan gestrichen, weil mein Wallach regelmäßig durchging und zum Rodeopferd mutierte. Außerdem war er bösartig, er biss und schlug gezielt nach Menschen. Ich putzte ihn lange Zeit mit einer Gerte in der Hand und ritt mit Sporen. Ich dachte, ich könne gut reiten, schließlich kam ich mit ihm klar.

Heute bin ich durch meine Horsemanship-Ausbildung zum Westernreiten übergegangen. Meine Stute steht im Offenstall in Herdenhaltung und wird getreidefrei ernährt. Ich reite auf dem Außenplatz oder im Gelände, im Winter auch in der Reithalle. Nach 2 Jahren intensiver Fortbildung erkenne ich jeden Tag, wie wenig gut ich reite. Meine großen Schwächen sind zum einen mein Rücken, den ich nur schlecht loslassen kann (weil ich als Kind den sehr aufrechten Sitz inkl. Gerte am Rücken gelernt habe). Zum anderen habe ich große Schwierigkeiten, meine Hände ruhig zu tragen. Sie haben irgendwie ein Eigenleben und sind entweder zu hoch, zu tief oder zu weit hinten >:(.

stehen

Trainingsschnappschuss beim Rückwärtsrichten: mein Rücken im Hohlkreuz, die Hände zu hoch, die Hacken hochgezogen. Aber immerhin ein aufmerksames Pferd an der Senkrechten über das Knoti ;)

Ist Westernreiten nun besser als die englische Reitweise?

Nein.

An meinem Heimatstall bin ich die einzige Westernreiterin. Meine Miteinstaller reiten alle klassisch englisch bzw. eine Mischung mit Horsemanship-Einfluss. Wir nutzen Reitpads, zäumen über Knotenhalfter oder den LG-Zaum (was das ist lest ihr hier). Die Meisten gehen hauptsächlich ins Gelände und sind reine Freizeitreiter. An der Haltungsform kann ich also die Qualität der Reitweise nicht erkennen.

Ist Englisch- oder Westernreiten qualitativ besser?

Petra von der Pferdeflüsterei lernt gerade bei ihrer Trainerin das zügelunabhängige Reiten, angelehnt an das Westernreiten. Sie schreibt in ihrem Blog z.B. von einem unabhängigen Sitz und hat sich dem gebisslosen Reiten verschrieben. An ihren Inhalten erkennt man, dass sie sich toll mit dem Thema auseinandersetzt und eine wirklich gute Reitlehrerin hat. Auf ihrer Weltreise hat sie nun eine Englisch-Reitstunde genommen und darüber berichtet. Leider mit einem negativen Fazit zur Anlehnung bei ständigem Maulkontakt. Ist die englische Reitweise also doch schlechter als Western?

Und wieder: nein!

Petra hatte das Pech, eine qualitativ nicht so gute Reitstunde zu bekommen wie sie es von zu Hause gewohnt war. Daher das negative Fazit.

Der Unterschied in der Zügelführung

In der englischen Reitweise wird immer von Anlehnung gesprochen. Leider habe auch ich die Anlehnung falsch gelernt. Bei mir (und vielen anderen auch!) hieß Anlehnung immer, dass ich die Zügel straff ziehe und das Pferd den Kopf dann in die Senkrechte geben soll (ich war 14 Jahre alt, bitte verzeiht mir). Robin quittierte damals den Zug am Zügel immer erst mit einem heftigen Gegenzug, bis der Druck im Maul zu stark wurde. Dann gab er nach und biss sich am Gebissstück fest, so dass ich das Gewicht seines Kopfes tragen musste. Von außen sah das nett aus, da er „in Anlehnung“ lief. Für uns beide war es der Kampf des Stärkeren. Heute weiß ich, wie falsch ich mit dieser Art des Reitens lag. Mein Pferd und ich hatten einfach nicht gelernt, wie der richtige klassische Zügeleinsatz aussieht und wie man darüber kommuniziert.

Quelle: Pferdeflüsterei

Quelle: Pferdeflüsterei

Die „englische“ weiche Hand und die Anlehnung

Die Zügelführung der englischen Reitweise beschreibt einen kontinuierlichen Kontakt. Das ist in etwa so, als ob ich meinen Partner an die Hand nehme. Der Kontakt ist weich und locker, aber ich gebe zu jeder Zeit an, dass ich da bin und mein Partner mir vertrauen kann. Ich ziehe nicht (dann würde ich die Hand meines Partners in meiner quetschen, weil ich so fest zudrücke), noch gebe ich ruckartige Impulse (so, als wenn ich meinen Partner an der Hand plötzlich nach links oder rechts ziehe). Wenn mein Pferd gelernt hat, dass der Kontakt eine Hilfe (!) für die Übungen ist, wird es diesen gern annehmen. So begibt sich das Pferd in die Anlehnung und geht „am Zügel“. Dafür muss es aber verstanden haben, dass ich über die Zügel mit ihm spreche und wie die Übersetzung aussieht. Und ich muss verstanden haben, dass dieser Kontakt ganz locker und sanft ist und keinerlei Kraftaufwand benötigt. Außerdem resultiert die Anlehnung aus einer aktiven und in Folge lastaufnehmenden Hinterhand (wenn wir Richtung Versammlung blicken).

Hippovital hat hier eine tolle Beschreibung der Zügelhilfe für uns.

Beim Westernstil völlig anders???

In der Westernreitweise ist es nicht viel anders. Auch hier möchte ich mein Pferd in eine Form bringen. Ganz wichtig: die Form folgt der Funktion! Und die Funktion ist, das Pferd gesund zu erhalten. Genau wie in der englischen Reitweise möchte ich ein Pferd, dass mit Schwung aus der Hinterhand läuft, nicht auf die Vorhand fällt und unter seinen Schwerpunkt tritt. Mein Pferd läuft weniger aufgerichtet als in der englischen Reitweise, aber es kann genauso an die Senkrechte gebracht werden. Im Western möchte ich eine tiefere Kopfhaltung, ungefähr auf Höhe des Widerrists. Wie in der englischen Reitweise möchte ich ein Pferd, das seinen Kopf senkrecht trägt, mit einem entspannten Unterhals. Auch hier möchte ich einen aufgewölbten Rücken. Jedenfalls dann, wenn ich qualitativ gut reite. Häufig sieht man in der Westernreitweise durchhängende Zügel. Trotzdem ist die Anlehnung nicht verloren, denn die wirklich guten Reiter können die Anlehnung über den Sitz und die Schenkel erhalten! (Da möchte ich auch mal hinkommen *schwärm*.)

Qualität ist unabhängig vom Reitstil

Somit ist es kein Merkmal von qualitativ gutem oder schlechtem Reiten, ob ich englisch oder westernmäßig unterwegs bin (höchstens eine Frage der Coolness 😉 ). Beides kann, richtig ausgeführt, eine pferdegerechte und gesunderhaltende Reitweise sein.

Eine Bitte: orientiert euch nicht generell an Turnierreitern. Viele Reiter, die sich den Erfolg auf die Fahne geschrieben haben, reiten nicht unbedingt qualitativ gut – weder in der Western- noch in der englischen Szene. Das gilt selbstverständlich nicht für alle, aber für einige ehrgeizige Schleifchen- und Pokalsammler. Hier geht es häufig um den schnellen Erfolg, der leider keine nachhaltige und hochwertige Ausbildung voraussetzt. Vor allem in den unteren Leistungsklassen ist zu sehen, dass mit Druck und Einsatz von Hilfsmitteln wie z.B. Schlaufzügeln und Ausbindern gearbeitet wird. So lernt ein Pferd aber nicht, sondern wird in die gewünschte Form gepresst. Das ist weder gesund noch für das Pferd nachvollziehbar. Sucht euch lieber einen guten Trainer, wie z.B. Thomas Günther im Westernbereich oder Andreas Werft für die englische Reitweise. Da haben Pferd und Reiter etwas davon.

 

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5 Kommentare zu Englisch vs. Western – oder Warum die Reitweise nichts über Qualität aussagt

  1. Meine erste Reiterfahrungen vor 32 Jahren wie bei dir ABER mein Araber Mix hatte beim Kauf einen so kaputten Rücken das er 3 Monate nur longiert wurde und dann auf Anraten einen Westernsattel erhielt . Ich suchte mir einen Trainer und wir „stiegen um“ . Da er immer ein hohes Grundtempo hatte blieb uns nur der Trail damals ! Wir hatten Spaß wir waren gut . Man gab mir ein junges QH und ich lernte mit Bucky auch die schnelleren „Sachen“ . Heute nach 2 weiteren tollen Pferden ( beide Paints, beide leider Gendefekte , pssm und Hypp ) habe ich nun mein wohl letztes Jungpferd . Wieder ein Paint aber gesund . Im Offen Aktivstall wächst er pferdegerecht auf und darf mit Horsemanship in sein Leben als Reitpferd starten . Mit Westernsattel und Gebisslos aber “ ich reite nicht western … Sondern so wie wir beide am besten miteinander zurecht kommen “ .

    • Fü(h)rPferd // 6. März 2015 um 09:24 // Antworten

      Hi Anke,
      vielen Dank für deinen Beitrag! Ich denke, viele von uns können sich nicht zu 100% einer Reitweise zuordnen. Aber solange wir pro Pferd und Pferdegesundheit reiten, ist das schon ein guter Schritt in die richtige Richtung!
      Liebe Grüße!

  2. Liebe Akki, liebe Anke, es ist schon merkwürdig, wie man oft startet in der Pferdewelt. Die meisten, mich inklusive, scheinen falsch zu starten mit starrem Reitunterricht, der die Basics nicht richtig vermittelt und dann macht man eben, immer mit einem unguten Bauchgefühl. Und sobald man anfängt Fragen zu stellen, zu lesen und Wissen anzuhäufen, kommt man immer mehr an den Punkt nicht eine bestimmte Reitweise zu wollen und deren Regeln, sondern eine „das Beste fürs Pferd“-Reitweise, die eine Mischung aus vielem ist. Ich bin mittlerweile auch da angekommen, dass mir der Sattel egal ist (der der dem Pferd am bequemsten ist) und auch der Name der Reitweise (die die am wenigsten am Pferd herummacht und das Pferd möglichst gesund mich tragen lässt), es geht eigentlich nur um das nette und respektvolle Miteinander. Der Weg ist lang, wahrscheinlich ein Leben lang. Aber es macht Spaß die eigenen Ansichten immer wieder zu hinterfragen und Dinge zu ändern, um ein besseres Miteinander mit dem Pferd zu erreichen. Ganz liebe Grüße an Euch beide, Petra

    • Fü(h)rPferd // 6. März 2015 um 09:28 // Antworten

      Liebe Petra,
      so sehe ich das auch. Besonders toll ist, wenn man an dem Punkt ist auch Hinterfragen zu WOLLEN. Als Jugendliche habe ich oft auf das gehört, was meine Reitlehrer gesagt haben – ohne zu hinterfragen. Erst als mein damaliger Springlehrer mich anbrüllte, ich solle meinem Wallach jetzt mal einen drübergeben, der müsse über den Sprung, bin ich meiner Intuition gefolgt und habe zurückgebrüllt er möge mich in Ruhe lassen, wir bekämen das schon noch hin. Das war der Wendepunkt für Robin und mich, ab da ging alles viel einfacher. Ich glaube, mein Robin hat mich damals auch ziemlich laut angeschrien, ich habe es nur nicht gehört und auch nicht verstanden- bis zu diesem Punkt. Es wäre toll, wenn wir alle mehr auf die Pferde hören und uns weniger dem Dogma der Vereine und Lehrer unterwerfen.
      Liebe Grüße!

  3. Mein Senf 😉

    Ich habe in zwei Ställen gelernt:
    Einmal bei meinem „Ziehopa“, der zu der Zeit einen Reit-und Ferienhof hatte. Ich war immer zur Ferienzeit da, eine Woche bis drei Wochen.
    Er hatte primär Tinker, Isis und Norweger, ein paar Mixe und gerettetes. Dauerhaft in großen Herden, Offenstall bzw Robushaltung. Alle Pferde von ihm und seiner damaligen Frau eingeritten und trainiert. Jedes Pony konnte man nach Jahren runterholen von der Wiese, Sattel drauf und es lief ohne Probleme. Bei ihm lernte ich das, was „neudeutsch“ Horsemanship heißt. Pferde lesen und verstehen. Er ist immer noch mein Mentor und seine Meinung ist mir mehr als wichtig (könnt euch denken, wie nervös ich war, als ich das erste Mal unter seinen Augen letzten Dezember auf meiner Dicken zeigte, was wir können 😉 ). Das war…Freizeitreiten mit Klassischen Elementen.
    Übrigens waren seine Deckhengste alle super brav und erzogen. Egal ob rossige Stute oder nicht. Außerhalb der Rosse lief einer sogar immer in der Herde mit.
    Und in Düren bin ich geritten. Dort wurden Trackehner gezogen, wieder Deckhengstumgang und Wettsport war ein Lamm 😉 Schulpferde liefen drei bis viermal die Woche für 1 bis maximal 3 Stunden. Jeden Tag Rau-und Kraftfutter, jeden Tag (auch im Winter!) Wiese/Winterwiese. Beim reiten wurde auf einen sauberen Sitz geachtet und den fairen Umgang mit den Tieren. Klar gab’s auch mal Pferde, die mal aus der Reihe tanzten, aber die Anfängerpferde waren alle lieb, brav und gut zu reiten.
    Trotzdem ritt ich bei ihr gerne mal neue Pferde oder die „Aus der Reihe tanzer“.
    Ich fühlte mich damals wie der Pro schlecht hin. Ich lernte viel, lerne auch fallen, aber ich kam da irgendwann an Grenzen, da auch die Möglichkeit der Pferde irgendwann ausgeschöpft war, die mir was beibringen konnten bzw die ich regelmäßig reiten konnte, da die weit ausgebildeten meist mit den Töchtern auf Turnier waren. Trotzdem erkannte ich viel von dem, was ich damals lernte, in der H.Dv.12 wieder 😉 es war alles nicht schlecht, was ich da lernte, aber ich war einfach auch arrogant xD
    Dann kam mein eigenes Pferd. Nicht alles war gut, viel lief nicht…So super. Klar. Das Pferd kannte bis dato ja nur den Reiter als lästigen Mitfahrer beim Rennen.
    Nach zwei Stallwechseln kam ich dann in den ersten richtigen Westernstall. Bis dahin hatte ich nur…böse gesagt „Damen“ erlebt, die für nen Klassischsattel zu Ausladend waren…und zum Westernsattel gabs dann das Westernpferd. Aber da wurde mehr Mist zusammen geritten als alles andere.
    Der Hof sollte auch nur „Übergang“ sein. Tja der dauert nun bald zweieinhalb Jahre

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