Identitätskrise: Warum darf ich nicht sagen: „Ja, ich bin ein Pferdeflüsterer“?

Wie Schubladendenken zu Job und Karriere mich einschränken

Ich hatte nie Probleme mit meiner Jobbezeichnung. In meinem bisherigen Leben war ich Rezeptionistin, Studentin, Betriebswirtin und Managementassistentin. Seit ich mich mit dem Pferdetraining selbstständig gemacht habe, stehe ich vor einem Fragezeichen.

Geprägt von Vorstellungen der Gesellschaft

Ich wuchs in dem Glauben auf, dass ein Studienabschluss besser ist als eine Ausbildung, dass ein Akademiker mehr verdient als ein Nicht-Akademiker und dass Urkunden und Zertifikate erstrebenswert sind. In meiner Zeit in der Bankenwelt lernte ich, dass Selbstständige nicht mit Leasingverträgen oder Factoring versorgt werden, da das abzustellende Risiko zu hoch ist und die Marge dadurch zu gering. Eine industrielle Unternehmung gilt als sicherer als eine Geisteswissenschaftliche. Eine Gruppe von Menschen in einer Unternehmung, wie bei einer GmbH, sind kreditwürdiger als ein Einzelner. All das hat mich stark geprägt.

Heute bin ich eine selbstständige Einzelperson, die nicht in dem Fachbereich arbeitet, in dem sie einen akademischen Abschluss hat. In meiner Welt bin ich somit nicht kreditwürdig und habe ein unsicheres Einkommen. Diese Denkweise schwächt mich sehr: Ich möchte sogar soweit gehen zu sagen, ich werte mich selbst ab.

Auch die Branche macht es schwer

Dazu kommt noch ein zweites Manko. Mein Job ist nicht „definiert“. Ich bin kein Anwalt, kein Steuerberater oder Arzt. Ich habe keinen Job, unter dem sich alle Menschen etwas vorstellen können. Letzte Woche stand ich mit meinem Hund auf dem Hundeplatz und erzählte von meinem Arbeitstag. Eine Hundebesitzerin sprach mich an und fragte: „Das heißt, du bist Pferdeflüsterer?“. Ich war sprachlos. Denn das Wort „Pferdeflüsterer“ versuchen wir in der Branche zu vermeiden.

Der Roman von Nicolas Sparks, der den Begriff „Pferdeflüsterer“ geprägt hat, hat definitiv zu meiner Entwicklung beigetragen. Es war, so wie bei vielen Pferdemenschen, der Auslöser meines Umdenkens im Umgang mit dem Pferd. Darauf folgen die Bücher von Monty Roberts, GaWaNi Ponyboy, Philippe Karl und diverse Weitere. Wenn ich mich im Internet, speziell auf Facebook in Natural-Horsemanship-Kreisen, aufhalte, ist der Begriff jedoch negativ belegt. NHS-Trainer und Reiter „flüstern“ nicht, wir arbeiten mit der Körpersprache der Pferde. Natürlich können wir keine Pferde sein oder imitieren, denn wir laufen aufrecht und gehören mit unserem Körper eher zu den Raub- als zu den Fluchttieren. Trotzdem lesen wir die Sprache der Pferde und haben gelernt mit ihnen auf einer Ebene kommunizieren, die für beide Spezies zugänglich ist und uns Verständnis und Vertrauen ermöglicht.

Meine Zwickmühlen

Nun stehe ich vor zwei Zwickmühlen. Die eine ist die in meinem Kopf Geschaffene: Ich gehöre nicht zu den Menschen, die ich als „Gewinner“ zu bezeichnen gelernt habe. Die in den Bankenwelt als kreditwürdig gelten, die Karriere machen und erfolgreich sind. Aus dieser Welt bin ich ausgestiegen. Gehöre ich damit zu den „Verlierern“? Keineswegs! Ich bin glücklicher und ausgeglichener denn je zuvor! Ich fühle mich frei und zufrieden! Das passt jedoch überhaupt nicht zu meinem erlernten Bild der Berufswelt.

Die zweite Zwickmühle ist meine Jobbezeichnung. Darf ich denen, die nicht mit den Begriffen des Natural Horsemanship vertraut sind, sagen, ich sei ein Pferdeflüsterer? Ich verbiete mir diesen Begriff, weil es andere in der Branche auch tun. Weil sie ihn nicht hören wollen, denn sie möchten keine mysteriöse Glamour-Figur sein. Aber es macht so vieles einfacher, weil jeder den Roman oder den Film kennt und mit dem Begriff etwas Positives verbindet.

Individuelle Lösung

Ich schaffe für mich eine eigene Lösung, in der ich beide Zwickmühlen aus der Welt schaffe. Ja, ich bin ein Pferdeflüsterer. Ich mache das, was in dem Roman beschrieben wird: Ich helfe Pferden, die Menschenwelt zu verstehen und in ihr zu überleben. Ich helfe ihnen, ihre angeborenen Instinkte und Ängste zu kontrollieren und für den Menschen damit „wertvoll“ zu werden. Außerdem helfe ich den Menschen, ihre Pferde zu verstehen und mit ihnen gewaltfrei umgehen zu können.

Auch wenn der Begriff per se nicht korrekt ist, ich fühle mich damit wohl. Er verschafft mir Sicherheit und meine eigene Definition von Karriere. Damit gebe ich mir einen Weg vor, der mich glücklich sein lässt. Und das ist es, was mir bisher gefehlt hat.

11 Kommentare zu Identitätskrise: Warum darf ich nicht sagen: „Ja, ich bin ein Pferdeflüsterer“?

  1. Die Kunst ist es auf dem leisen Weg Dinge und Inhalte zu vermitteln, die auf dem lautem Weg nicht gehört werden. Ich finde Dich in dem was Du tust sehr KLAR, sehr EINDEUTIG. Ein wundervoller Weg, den Du da gehst. Jeder braucht eine Definition dessen, was er tut. Wahrscheinlich um sich selbst seinen Platz zu schaffen. Ich verstehe dies sooooo gut, merke dies grad selbst bei mir.
    Sei Du die PFERDEFLÜSTERIN!!! Lotte versteht Dich und ich lerne immer weiter meine VOKABELN😉

    • Fü(h)rPferd // 19. Januar 2016 um 09:58 // Antworten

      Hi Beate,

      ich will mich selbst gar nicht so bezeichnen, ich glaube, das habe ich nicht so klar rüber gebracht. Mir geht es viel mehr um die, die mich danach fragen. Darf ich dann „ja“ sagen? Ich denke schon. Auch wenn das einige blöd finden, ich mache mit dem Wort jetzt meinen Frieden ;).

  2. Raimund Kniffki // 19. Januar 2016 um 11:53 // Antworten

    Pferde flüstern … Pferdeflüsterei!?
    Es ist m. E. eine Identitätskrise der gesamten NHS-Branche. Ein Hundetrainer, wie Cesar Milan, stellt sich offen hin und behauptet „Ich bin der Hundeflüsterer“! In der Pferdebranche ist das unmöglich!? Warum?
    Warum ist es in der Branche so verpönt sich Pferdeflüsterer zu nennen? Weil in dem Film nicht alles „korrekt“ gezeigt wurde? Weil eine romantische Geschichte ohne Happy End erzählt wurde?
    Ich finde es ist ein Begriff der bei vielen Menschen ein Grundverständnis für die Tätigkeit weckt und nicht mehr viele Erklärungen erforderlich macht.
    Ich persönlich finde es völlig unproblematisch … sofern es denn auch so ist!

    • Fü(h)rPferd // 19. Januar 2016 um 23:50 // Antworten

      Hi Raimund,

      vielen vielen Dank für diesen tollen Kommentar. Genau so sehe ich es auch! Eine „Identitätskrise der gesamten NHS-Branche“, sehr gut ausgedrückt!!! Genau so ist es!

      Ganz liebe Grüße,
      Kaki

  3. Birgit Buescher // 19. Januar 2016 um 18:45 // Antworten

    Liebe Akki, ein gangnbarer Weg wäre vl. auch in Anlehnung an Ian Benson der kein Horsemanship sondern Humsnship macht, dich als Menschenflüsteri zu bezeichnen….letztlich flüsterst du ja uns Menschen was….den die Pferde wissen es ja sowieso….

  4. Birgit Buescher // 19. Januar 2016 um 18:49 // Antworten

    …und Ps Identitätskrise kann ich gut nachvollziehen…..ich bin ja nur wgwn Göga in RENTE…so ist all die schöne freie Zeit und die schönen Dinge die ich jetzt mache, immerdavon überschattet, dass so ein Fiesling in mir immer flüstert ….steht dir ja gar nicht zu…..

    • Fü(h)rPferd // 20. Januar 2016 um 00:05 // Antworten

      Hi Birgit,
      Humanship ist wirklich schön ;). Ian Benson hat da völlig recht. Ich brauche für mich kein Label, aber bei der Frage nach dem Job ist es schon schön, nicht in stundenlange Erklärungsversuche zu fallen. Und zu deinem flüsternden Fiesling im Kopf: uns steht all das zu, was wir haben. Weil wir es uns selbst erarbeitet, oder eben die richtige Entscheidung getroffen haben.
      Liebe Grüße!

  5. Andre Winkelmann // 19. Januar 2016 um 21:37 // Antworten

    Herzlichen Glückwunsch zu dieser Entscheidung, ich finde es sehr mutig das zu tun was einem Spaß macht, vor allem wenn man so lange etwas ganz anderes gemacht hat ist das ein Schritt den ich mir nicht ohne weiteres zutrauen würde. Alles gute und gute Erfahrungen weiterhin.

    Viele Grüße
    Andre Winkelmann

    • Fü(h)rPferd // 19. Januar 2016 um 23:48 // Antworten

      Hallo Andre,

      vielen Dank für deine Nachricht! Es ist schön, solche Zustimmung zu hören.

      Ganz liebe Grüße,
      Kaki

  6. manuela weik // 3. Oktober 2016 um 14:52 // Antworten

    Leider habe ich dein Buch bisher nicht gelesen,hole es aber nach.
    Als Kind durfte ich reiten,jedoch wurde es meinen Eltern zu teuer,und ich musste mein was ich als Hobby anwehe, aufgeben.Doch es ist viel,viel mehr.
    Pferde sind die wundervollsten Lebewesen und jeder der in der glücklichen Lage ist sich mit Ihnen beschäftigen zu dürfen ,sollte Ihnen mit Respekt begegnen,und ganz viel Einfühlungsvermögen.
    Deine Arbeit ist genau richtig und jedes Pferd dankt es Dir.
    Ein Mensch
    Jeder Mensch sollte, der ein Pferd sein eigen nennt,sollte endlich anfangen , sich auf einer Ebene mit seinem Pferd zu begeben.Mit Ihren Kindern tun Sie es auch,ist sein Pferd nicht auch ein Familienangehöriger, Freund ja Vertrauter?

    l.g manuela

    • Hi Manuela,

      ich wünsche dir viel Spaß mit dem Buch und hoffe, dass du bald wieder die Möglichkeit hast, mit Pferden zusammen zu sein. Danke für deinen Zuspruch und deine Einstellung!

      Ganz liebe Grüße,
      akki

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