Wegwerfobjekt Pferd

Der Wallach ist 7 Jahre alt und ein hübscher kleiner Rappe. Der Körper ist noch nicht komplett entwickelt, die Muskelpartien noch wenig trainiert, aber mit sehr wachem Blick steht er in seinem Paddock. Seine Besitzerin hat ihn jetzt seit 2 Jahren – und er soll verkauft werden. Weil er im Gelände durchgeht. Er sei ein richtiger „Sausack“ geworden, wolle seine Reiterin abwerfen und ein gemütlicher Ausritt sei nicht mehr möglich, sagt seine Besitzerin. Ich bin geschockt.

 

Ich kenne den Wallach seit er bei seiner Besitzerin eingezogen ist. Gemeinsam mit ihr haben wir die ersten Grundlagen am Boden erarbeitet, später auch im Sattel. Ich kenne ihn als ruhigen, netten Typ, der kleine Reiterfehler verzeiht. Und jetzt soll er weg, weil er nicht mehr „funktioniert“. Ich bin sprachlos.  Kann kaum in Worte fassen, was ich gerade fühle. Daher versuche ich hier meine Gedanken zu sortieren.

 

1. Beziehung

Das Pferd hat eine enge Beziehung zu seiner Besitzerin aufgebaut. Er kommt wenn sie ihn ruft, er lässt sich brav putzen und satteln und vertraut ihr. Eine solche Beziehung entwickelt sich über eine lange Zeit, und beide haben viel Arbeit hineingesteckt. Nicht nur der Mensch, sondern auch das Pferd hat Vertrauen und Zeit investiert. Er erkennt sie an ihrem Gang, wenn sie die Straße zum Stall entlanggeht. Er wiehert, wenn er bemerkt dass sie eine Leckerei für ihn dabei hat. Er erkennt in ihr einen Partner, dem er sein Leben anvertraut.

 

2. Jungpferd

Das Pferd ist noch ein Jungpferd am Anfang seines Reitpferdelebens. Er lernt seit einiger Zeit, dass der Mensch Anforderungen stellt und versucht sie zu erfüllen. Er hat gelernt die Hufe in die Hand seiner Besitzerin zu legen, obwohl er so im Ernstfall nicht flüchten könnte. Er hat gelernt den Reiter aufsteigen zu lassen. Er hat gelernt auf ein bestimmtes Kommando los zu gehen und seinen Reiter zu tragen.

Leider hat seine Besitzerin ihm auch etwas Falsches beigebracht. Er hat gelernt, dass sie keine Anforderungen mehr stellt wenn er durchgeht. Dass sie ihm Ruhe und Entspannung gibt, wenn er losschiesst und vor Freude springt. Dann steigt sie ab und er darf ausruhen. Wenn er sich die Ruhe gönnen will zeigt er dieses Verhalten – und wird regelmäßig mit Ruhe belohnt.

 

3. „Neuanschaffung oder Reparatur“

Die Besitzerin sieht nicht, dass sie ihrem Pferd dieses Verhalten beigebracht hat. Für sie hat er sich so entwickelt, sie sagt „Er hat das ganz plötzlich gemacht“.  Dass sie bereits im kleinsten Ansatz das Verhalten bestärkt hat erkennt sie nicht. Ihr Pferd ist unbequem geworden. Was nun? Es gibt für viele Pferdebesitzer nur eine Möglichkeit: das Pferd muss weg. Ein Neues wird gekauft und alles ist wieder gut. Dabei übersehen sie, dass es noch die Variante „Reparatur“ gibt. Das Pferd kann lernen, dass dieses Verhalten nicht erwünscht ist. Die meisten Besitzer können das nicht selbst leisten, aber dafür gibt es Profireiter die Korrekturberitt anbieten. Bei einem guten Trainer kann fast jedes Pferd lernen, welche Reaktionen der Reiter von ihm will und welche nicht. Dieser Weg ist zwar mit etwas mehr Arbeit verbunden, weil der Besitzer
1. sich eingestehen muss, dass er etwas falsch gemacht hat,
2. Zeit in die Recherche nach einem guten Trainer stecken muss und
3. während der Korrekturzeit auf seine Freizeitbeschäftigung am Pferd verzichten muss.

Es gibt auch andere Fälle. Situationen, in denen das Vertrauen des Besitzers in sein Pferd komplett zerstört wurde. Unfälle, bei denen sich der Mensch verletzt hat und nun seinem Tier nicht mehr traut. Auch hier gibt es Lösungen: der Mensch kann mit dem Pferd auf einer neuen Ebene arbeiten. Mit Boden- und Freiarbeit kann die Beziehung zwischen Pferd und Reiter wieder erneuert werden. Hier sollte sich jeder professionelle Hilfe suchen. Angsttraining ist nicht von jedem Trainer zu leisten, da es hier nicht um das Pferd oder das Reiten, sondern um die Psyche des Menschen geht. Der Reiter muss seinem Trainer vertrauen: Stress beim Pferd muss früh genug erkannt werden, damit eine Eskalation verhindert werden kann. Das Zusammenspiel zwischen Pferd, Besitzer und Trainer ist hier sehr eng und fragil.

Wer das Vertrauen in sein Pferd verloren hat und es nicht wieder gewinnen kann, sollte sich Gedanken um eine Trennung machen. Allerdings bin ich der Meinung, dass viele Besitzer sich vorschnell von ihren Tieren trennen: aus Bequemlichkeit oder als „Flucht nach vorn“.

Aber wir sind es unseren Pferden schuldig uns mehr Gedanken zu machen. Jedes Pferd hat das Recht, bei seinem menschlichen Partner -und somit auch in seiner gewohnten Umgebung und seiner Herde- bleiben zu dürfen. Sie sollen nicht unsere Fehler ausbaden müssen. Viele dieser Pferde werden im schlimmsten Fall zu Wanderpokalen, die ständig den Besitzer wechseln. Wir haben die Verantwortung unseren Pferden gegenüber, dass sie ein entspanntes pferdegerechtes Leben führen dürfen. Bitte tragt diese Verantwortung – euren Pferden zuliebe.

(Info: die Geschichte zu Beginn ist eine Kombination aus mehreren Begegnungen, keine Anspielung auf eine Person. Ich möchte niemanden angreifen oder bloßstellen. Mögliche Ähnlichkeiten tun mir sehr leid. Derzeit trennen sich in meiner Umgebung insgesamt 5 Personen von ihren Pferden, alle aus unterschiedlichen Gründen.)

 

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11 Kommentare zu Wegwerfobjekt Pferd

  1. Ich schließe mich Deinen Worten zu 100% an!!! Wir haben immer versucht Lösungen zu finden und an uns zu arbeiten. Jedes Pferd hat natürlich auch einen eigenen Charakter und Marotten, mit denen man umgehen können muss – ABER wo ein Wille, da ein Weg. Ich musste mich auch schon von einem Pferd trennen, was mir immer noch keine Ruhe lässt. Noch nicht mal drei war er, landete schon im Schulbetrieb, dann bekam ich ihn. Mit viel Training und einigen Hindernissen haben wir uns gut zusammen gefunden. Bis er in seine Pflegeljahre kam und meine reiterlichen Fähigkeiten mit 14 Jahren einfach völlig überforderte. Zu viel Energie, zu viele Flausen im Kopf und ein paar sehr gefährliche Situationen im Gelände…. 🙁 Zwei Monate später kam dann Shaman und ich bin froh, dass wir uns so viel Zeit gelassen haben mit allem. Egal was noch kommt – nie würde ich ihn hergeben.

    Ich hoffe für den Wallach, dass er in verantwortungsvolle Hände kommt…

    Liebe Grüße

    • Danke für deinen Kommentar. Es ist so traurig, dass sich die Menschen anstelle sich Hilfe zu holen einfach von dem Pferd trennen. Kein Pferd wird „böse“, wir bringen ihnen alle Verhaltensweisen selbst bei. Leider wollen viele Besitzer das nicht wahr haben. Natürlich gibt es auch andere Beispiele, bei denen Pferd und Mensch einfach nicht zusammen passen! Dann ist eine Trennung immer besser, da die Situation sich sonst verschlimmert und im Extremfall eskaliert. Dann lieber ein harter Schnitt und ein Pferd, dass in erfahrenere Hände vermittelt wird.

      • Hallo….
        ich musste mein Pony leider auch abgeben. Wir haben viele brenzliche Situationen durch lebt aber ich musste mir eingestehen das ich meinem dicken nicht gerecht werden konnte. Er war ein Sportpony, musste jeden Tag bewegt werden. Da ich aber Familie hab und berufstätig bin hab ich das leider nicht hin bekommen. Hab alles versucht…. Es ging nachher soweit das ich im Gelände immer wieder bei Null anfangen musste und er alles zum Anlass nahm um sich hoch zu puschen….. Hatte zwischendurch beim Aufsteigen schon immer im Kopf “ was kommt heute wieder“.
        Hab mein Burschen nicht abgeschoben !!! Hab lange lange überlegt und probiert. Dann hab ichmich mit der Vorbesitzerin in Verbindung gesetzt, die ihn wieder zurück genommen hat. Da weiss ich das er es gut hat und bleiben kann !!!

        • Hi, eine Trennung ist immer schwer. Wer richtig reflektiert findet für sich uns eine Situation auch die richtige Lösung. In meinem Artikel geht es um diejenigen, die nicht so weit denken wie du. Die den einfachen Weg wählen, anstatt an sich zu arbeiten. Leider gibt es davon immer noch sehr viele Menschen… Aber glücklicherweise auch welche, die für sich und das Pferd die richtige Entscheidung treffen 🙂

  2. Ich kann Deine Fassungslosigkeit gut verstehen. Es wird mir nie in den Kopf gehen wie man so denken und handeln kann. Was für eine Beziehung man dann mit seinem Tier (egal ob Pferd, Hund, Katze…) haben muss – und warum man dann überhaupt ein Tier hat. Für mich sind meine Katzen und mein Pferd meine besten Freunde, Familie. Nicht weniger als das. Der Gedanke mich von ihnen zu trennen weil sie unbequem geworden sind oder weil sie meine Anforderungen nicht (mehr) erfüllen würde mir im Leben nicht kommen.

    • Ich kann einige Besitzer schon verstehen, vor allem weil viele einfach keinen Ausweg sehen. Aber warum denkt kaum jemand an Profiberitt? Und damit meine ich nicht, dass das Pferd monatelang abgegeben und gedrillt wird, sondern evtl. sogar zu Hause bleibt und von einem sehr guten Reiter korrigiert wird. Natürlich gibt es nicht viele, die das können, und vor allem kostet eine solche Korrektur Geld. Oder der Reiter lässt sich selbst so gut schulen, dass er das Problem in den Griff bekommt. Es gibt so viele Seminarangebote bei denen in mehreren Schritten daran gearbeitet wird. Das ist teuer, aber es bringt allen Beteiligten etwas. Ich habe das Gefühl, dass „weg und neu“ der leichtere Weg ist…

  3. Das ist echt schade das die Besitzerin so denkt .
    Er ist noch jung und kann doch noch soviel lernen , und wer weiß , vielleicht ist er ja mit etwas zeit und liebe zumindest auf dem Platz bald ein Super Kinder Pony

  4. Hallo….
    ich musste mein Pony leider auch abgeben. Wir haben viele brenzliche Situationen durch lebt aber ich musste mir eingestehen das ich meinem dicken nicht gerecht werden konnte. Er war ein Sportpony, musste jeden Tag bewegt werden. Da ich aber Familie hab und berufstätig bin hab ich das leider nicht hin bekommen. Hab alles versucht…. Es ging nachher soweit das ich im Gelände immer wieder bei Null anfangen musste und er alles zum Anlass nahm um sich hoch zu puschen….. Hatte zwischendurch beim Aufsteigen schon immer im Kopf “ was kommt heute wieder“.
    Hab mein Burschen nicht abgeschoben !!! Hab lange lange überlegt und probiert. Dann hab ichmich mit der Vorbesitzerin in Verbindung gesetzt, die ihn wieder zurück genommen hat. Da weiss ich das er es gut hat und bleiben kann !!!

    • Du hast so recht! Es gibt einfach Situationen, die kann man alleine nicht lösen. Vor allem, wenn es gefährlich wird. Je nachdem, wie viel “Blut” das Tier hat. Jedes Pferd stellt bestimmte Anforderungen. Wenn ich reflektiere und erkenne, dass ich denen nicht gerecht werden kann hilft nur eine Trennung. Die ist dann besser für Pferd und Besitzer. Jede Situation ist einmalig, und jeder sollte selbst erkennen was am besten für ihn ist.

  5. Ich kann mich auch nicht ausschließen. Ich habe mich damals mit 19 von meinem ersten Pferd getrennt. Ich habe aus beruflichen Gründen keine andere Möglichkeit gesehen. Heute weiß ich, was mit ihm alles passiert ist und würde eine andere Entscheidung treffen. Es gibt immer einen Weg, aber häufig sieht man den erst wenn man im Nachhinein zurückblickt. Ich fühle mich noch immer schuldig, weil ich an der weiteren Geschichte meines Pferdes schuld bin. Aber damals hatte ich einen anderen Horizont, eine andere Wahrnehmung. Ich hatte keine Ahnung von NHS (weshalb meine Reiterei von damals meine Scham von heute ist). Ich sah keine andere Lösung als die, die ich gewählt habe. Daher mache ich es heute mit Suri anders. Es ist wichtig sich zu informieren und neue Wege zu gehen. Sich selbst weiterzubilden. Vielleicht denke ich in 15 Jahren: „oh nein, was war ich damals doch dumm!“, aber das ist mein Lernprozess. Nur wenn ich reflektieren kann weiß ich, dass ich es besser machen will. Und das bei allem, was ich tue.

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