Training von Isländern: Von Tölt, Gymnastizierung und dem Aha-Effekt

Quelle: Christina Schumann, slaka-pferde.de

Isländer begegnen mir in meinen Trainingseinheiten eher selten. Seit Jahren kenne ich die Isistute Frenja, die zu Beginn sehr frech zu ihrer jungen Besitzerin Franzi war. Dies haben wir mit Bodenarbeit schnell geklärt, und Franzi kann sich heute auf ihre Stute voll verlassen. Dann begegneten mir noch die Wallache Loftur und Einar. Gerade Loftur hatte Probleme, die Führung seines Besitzers anzuerkennen. Auch bei ihm haben wir mit Bodenarbeit schnell Fortschritte gemacht.

Dass Isländer Drei-, Vier- oder Fünfgänger sind, dass es Naturtölter gibt und Pferde, die diese Gangart erst lernen müssen, ist mir bekannt. Aber wie ein Tölt geübt wird oder welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit Tölt oder Pass möglich sind, das war mir nicht bewusst. Also habe ich Christina Schumann, Bloggerin auf slaka-pferde.de und Islandpferde-Reiterin gebeten, einen Beitrag für meinen Blog zu schreiben. Als ich den Text bekam, hatte ich das ein oder andere Aha-Erlebnis! Denn: Auch Isis sind Pferde, und so haben sie die gleichen Probleme wie alle anderen Pferdebesitzer auch. Was ich damit meine? Lest selbst:

Kann der auch tölten?

Diese Frage bekommt man als Isi-Besitzer häufig gestellt. Und was passiert, wenn man diese Frage nicht eindeutig mit ja beantworten kann? Dann erntet man schräge Blicke und hat eigentlich keinen Isländer, sondern nur eine nette, kleine Flauschkugel auf vier Beinen.

Heutzutage sind sogenannte 3-Gänger unter den Islandpferden sehr selten geworden. Das Ziel der Gangpferdezucht sind 4-Gänger (Schritt, Trab, Galopp und Tölt) und 5-Gänger (Schritt, Trab, Galopp, Tölt und Pass).

Nicht jeder Isländer zeigt von Kindesbeinen an bereits Tölt. Diese Isis werden nach dem Anreiten eingetöltet. Ob einem Pferd das Tölten leicht fällt, darüber bestimmen Gene und der Körperbau.Naturtölter hingegen zeigen von Geburt an in jeder Situation den vierten Gang. Diese Pferde werden Tölt auch bei den ersten Schritten unter dem Reiter zeigen, viel eher als Trab.

Meine Isländerstute gehört in die Kategorie „4-Gänger mit wenig Töltveranlagung“. Sie wurde 5-jährig an das Reitergewicht gewöhnt, aber erst 6-jährig regelmäßig gearbeitet. Als sie in diesem Alter immer noch nicht flüssig töltete, wurde ich bereits zweifelnd von Trainern angeschaut. Warum hat man einen Isi, wenn er in diesem Alter noch nicht töltet?

Tölt – der Traum jedes Islandpferdereiters

Tölt ist eine –zugegeben- traumhafte Gangart. Und ich durfte bereits einige Jungpferde reiten, die sich mühelos im Viertakt fortbewegt haben. Nur eben meine Stute nicht.

Also probierte ich auf unterschiedlichen Wegen, den Tölt heraus zu kitzeln. Um endlich einen vollwertigen Isländer zu haben. Und, weil ich es zum damaligen Zeitpunkt nicht besser wusste.

Eine Zeit lang versuchte ich, sie hauptsächlich zu galoppieren und daraus in den Tölt zurück zu parieren. Mit mäßigem Erfolg. Irgendwann war meine Flauschkugel nur noch auf Rennen eingestellt. Also schaltete ich sprichwörtlich wieder drei Gänge zurück.

Nächster Versuch: Tölt aus dem Schritt heraus entwickeln. Diese Variante liegt Isländern mit wenig Temperament angeblich weniger, fühlte sich für uns jedoch eine Zeit lang besser an. Aber eben nur eine Zeit lang. Denn bald schon schlich sich ein anderes Verhalten ein: Sie wehrte sich gegen meine Hilfen zum Antölten und versuchte, sich durch eine extreme Außenstellung des Kopfes jeglicher Anlehnung zu entziehen. Wir fühlten uns beide zunehmend unwohler mit der vierten Gangart. Ein weiterer Trainer sollte es richten. Sein Kommentar in meiner Unterrichtseinheit: „Das mag sie nicht (den Tölt), aber da muss sie jetzt durch. So langsam muss der Tölt in Anlehnung kommen. Also Zügel dran und vorwärts treiben.“

Irgendetwas sträubte sich in mir. Eine stichfeste Begründung hatte ich zum damaligen Zeitpunkt noch nicht. Aber mein Bauch sagte mir: Das kann so nicht richtig sein.

Gymnastizierung und Muskelaufbau als Basis

Heute weiß ich: Wir hätten andere Dinge in der Ausbildung priorisieren sollen. Zum Tölten ist es unerlässlich, dass die Pferde Last mit der Hinterhand aufnehmen können. Und diese Kraft muss zunächst schonend aufgebaut werden. Auch Anlehnung und Versammlung sollten keine Fremdwörter sein. Leider habe ich einige Ausbildungsställe kennen gelernt, in denen der Fokus auf der Töltausbildung liegt und nicht auf eine gymnastizierenden Grundausbildung. Durch meine Ausbildung zur Pferdephysiotherapeutin verstehe ich nun, warum sich mein Pferd so gegen den Tölt wehrt.

Dazu muss man sich zunächst vor Augen führen, was im Pferdekörper passiert, wenn ein Pferd töltet. Dieser vierte Gang wird hauptsächlich in einer hohen Aufrichtung geritten. Und längst nicht alle Pferde laufen dabei in Anlehnung. Dadurch wird ein Aufwölben des Rückens unmöglich, die Wirbelsäule hängt wie eine nicht gespannte Wäscheleine durch. Die Wirbel der Brust- und Lendenwirbelsäule bestehen(vereinfacht beschrieben) aus dem Wirbelkörper, den Querfortsätzen und den nach oben zeigenden Dornfortsätzen. Ist der Hals nun stark aufgerichtet, wird der Platz zwischen den Dornfortsätzen immer geringer, sie können sogar aneinander stoßen. Dass dies zu Schmerzen führt, muss nicht gesondert erwähnt werden.

Quelle: Christina Schumann, slaka-pferde.de

Quelle: Christina Schumann, slaka-pferde.de

Mit diesem Wissen habe ich nun auch die Ursache für das Verhalten meines Pferdes gefunden und mein schlechtes Gefühl hat sich bestätigt. Mit dem Ergebnis, dass der Tölt keine übergeordnete Rolle mehr in unserem Training spielt. Alles, was den Körper meines Pferdes stärkt und gesund erhält, steht nun im Fokus. Und das Ergebnis der Arbeit, die unter anderem auch die Hinterhandmuskulatur gestärkt hat: Ab und zu zeigt sie freiwillig einige Schritte Tölt.

Um ein Pferd gesund zu erhalten, müssen Rückenmuskulatur und eine aktive Hinterhand kontinuierlich aufgebaut und gestärkt werden. Nur so findet das Pferd in die Dehnungshaltung, die viel Platz zwischen den angesprochenen Dornfortsätzen der Wirbelsäule schafft und eine Belastung der langen Rückenmuskulatur verhindert. Die Zucht der Isländer zielt auf eine hohe Aufrichtung ab. Aus diesem Grund haben die meisten Isländer von Natur aus eine starke Unterhalsmuskulatur, die das Absenken des Kopfes und eine aufgewölbte Wirbelsäule erschwert. Daher sollte eine ausgewogene Halsmuskulatur das erste Ziel in der Ausbildung eines Isis sein.

Nicht jeder Isländer wird beim Eintölten oder Tölten mit Schmerzen reagieren. Das Empfinden der Pferde variiert mit ihrer Anatomie. Grundsätzlich sollte aber jedem Gangpferdereiter bewusst sein, was beim Tölten im Pferdekörper passiert, um somit Reaktionen des Pferdes deuten zu können.

So schön ein flotter Tölt auch ist: Ein entspanntes und zufriedenes Pferd, das gerne und motiviert mitarbeitet, ist wertvoller als das Erfüllen eines Rassestandards. Und aus diesem Grund ist meine kleine, nette Flauschkugel für mich der perfekteste Isi, den es gibt.

 

 

 

 

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2 Kommentare zu Training von Isländern: Von Tölt, Gymnastizierung und dem Aha-Effekt

  1. Hallo Akki,

    schön, dass du auch über Isländer einen Beitrag hast! Ich habe auch einen Blog und bin Isländer- Mädchen. Ich würde freuen, wenn du mal vorbei schaust.

    Lieben Gruß

    Tina

1 Trackbacks & Pingbacks

  1. Artgerecht, liebevoll, anders: Die alternative Pferdehaltung | Fü(h)rPferd Horsemanship

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