Kopf senken: eine Übung für (fast) alle Fälle

Ein ganz normaler Tag am Stall: meine Freundin Wiebke und ich sind mit den Pferden unterwegs. Wir gehen eine kleine Runde spazieren, weil die Sonne gerade rausgekommen ist. Wiebkes Stute Rising ist von der ruhigen Sorte, sie steht schon lange an unserem Stall und kennt sich gut in der Umgebung aus. Suri und Rising stehen nicht in der gleichen Herde, aber sie kennen und dulden sich. Wir gehen entspannt  den Feldweg entlang. Plötzlich verspannt Rising sich, fängt an zu tänzeln und umkreist meine Freundin. Grund ist ein Spaziergänger mit einem wild tobenden Hund, der uns entgegen kommt. Suri macht sich groß, wird steif und spannt alle Muskeln an. „Flucht oder Kampf?“ – scheint ihr Körper zu sagen. Die Anspannung ist zum Greifen, und ich weiß, wenn ich jetzt nicht reagiere explodiert neben mir gleich die Bombe.

Ich atme entspannt aus, schnaube leicht durch die Lippen und lege meine Finger in Suris Knotenhalfter. Die Anfrage „Kopf senken“ haben wir schon tausendmal geübt, die Übung sitzt. Gepaart mit meiner lockeren Haltung und meinem entspannten Atem löst Suri ihre Anspannung und senkt den Kopf. Obwohl Rising noch immer tänzelt, fokussiert sich meine Stute komplett auf mich und übernimmt meine Entspannung.

Die Wirkung des tiefen Kopfes

Mit der Übung „Kopf senken“ greife ich in das psychische Befinden meines Pferdes ein. Ein entspanntes Pferd, ob es frisst oder döst, trägt den Kopf unterhalb des Widerrists. Nur in der Anspannung wird der Kopf erhöht, um eventuelle Fressfeinde ausfindig zu machen. Hier ist das vegetative Nervensystem eingeschaltet, dass die Angst steuert. Die erhöhte Kopfhaltung geht einher mit verkürzter, schneller Atmung, geweiteten Augen, aufgestellten Ohren und dem Fokus auf den möglichen Fluchtreiz. Der Körper des Pferdes steht unter Spannung, ein kleiner Reiz und das Tier flüchtet in hohem Tempo. Völlig normal – schließlich will es nicht gefressen werden. All diese Reaktionen des Pferdes können wir nicht verändern. Das Wesen Pferd unterliegt seinen Instinkten, die es überleben lassen. Ich kann meinem Pferd aber helfen, einen Weg aus der Angst zu finden.

Nicht flüchten, sondern vertrauen

Mein Pferd wird in der von uns Menschen geschaffenen Welt immer wieder in Angstsituationen geraten. Ob uns ein schnell fahrendes Auto entgegenkommt, plötzlich Kinder in unseren Weg springen oder eine Plastiktüte im Wind weht: für mein Pferd könnte alles ein möglicher Feind sein. Ich muss ihm diese Welt erklären. Mit dem Vertrauen zu ihrem Menschen können Pferde Aufgaben erledigen, zu denen sie durch ihren Instinkt sonst kaum in der Lage wären.

Zu Beginn der Arbeit mit dem Pferd kann ich mir unser gemeinsames Leben erleichtern, indem ich ihm das Kopf senken beibringe. Die Übung ist nicht kompliziert, ich muss aber einiges an Durchhaltevermögen mitbringen, je nachdem wie kooperativ mein Pferd mit mir arbeitet.

Übung: Kopf senken

Ich stelle mich neben mein Pferd und lege meinen Zeigefinger auf den Diamantknoten des Knotenhalfters. Es ist wichtig, nicht im Weg vor dem Pferd zu stehen, da ich einer möglichen Bewegung dann ausweichen müsste.

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Ich beobachte die Reaktion meines Pferdes: zeigt es Ohrenspiel, zucken die Lippen oder Nüstern? Reißt es den Kopf hoch? Jede Reaktion interpretiere ich als mögliche Antwort. Sobald mein Pferd seinen Kopf einen Milimeter nach unten bewegt, nehme ich den Finger weg und lobe überschwenglich. Bisher hat mein Pferd die Übung nicht verstanden, sondern lediglich ausprobiert. Also wiederhole ich direkt, und lege den Finger wieder in das Halfter. Bekomme ich wieder mögliche Antworten? Wenn mein Pferd den Kopf nicht senkt, sondern in einer Ruhephase wartet (kein Muskelspiel, geschlossene Augen), darf ich den Druck auf Stufe 2 erhöhen.

Stufe 1: Mein Finger liegt auf dem Diamantknoten. Es überträgt sich lediglich das Gewicht meines Fingers auf das Halfter, mehr Druck wird nicht ausgeübt.
Stufe 2: Das Eigengewicht meiner Hand wird auf den Diamantknoten übertragen (kein Drücken!).
Stufe 3: Ich nutze das Gewicht von Hand und Unterarm.
Stufe 4: leichter Druck aus dem Handgelenk.

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Übung Kopf senken: Ich bin hier schon bei Stufe 2 angelangt, das Gewicht meines Fingers liegt im Halfter. Suri ist entspannt, die Ohren sind bei mir. Sie sucht die Lösung.

Ganz wichtig ist, dem Pferd zwischen den Druckstufen genügend Zeit für eine Reaktion zu geben! Selbst das Kräuseln der Nüstern ist bereits eine Antwort von meinem Pferd. So lange ich eine Reaktion erhalte, steigere ich die Druckstufen nicht, sondern warte auf folgende Versuche meines Pferdes. Das Problem zu lösen ist nicht einfach, die Verknüpfung „Finger am Halfter heißt Kopf senken“ muss erst im Pferdekopf geschaffen werden.

Läuft mein Pferd rückwärts, gehe ich mit ihm und halte meine Position. Auch ein Vorwärts gehe ich mit, stoppe mein Pferd dann mit einer leichten Drehung meines Oberkörpers in seine Richtung (ich „schließe die Tür“). Ich kann auch einen Stick mitnehmen, den ich dann vor der Pferdebrust schließe um den Weg zu versperren. Jedoch sollte ich nie meine Übung verlassen, wenn mein Pferd nicht den Ansatz zum Kopf senken zeigt – sonst kann es die richtige Antwort nicht mit der gestellten Aufgabe verbinden. Nur wenn es denk Kopf senkt nehme ich den Finger aus dem Halfter, so dass die Anfrage der Übung beendet wird.

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Suri senkt den Kopf, leckt und kaut. Die Übung ist verstanden.

Wenn mein Pferd erfolgreich den Kopf senkt, lobe ich überschwänglich. Jetzt leckt und kaut es, ein Zeichen dass ihr Gehirn aktiv ist und die Informationen verarbeitet.

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Überschwengliches Lob ist wichtig. Je mehr ich mein Pferd bestärke, desto lieber wird es mit mir arbeiten!

Ich kann die Übung auch mit einem Stimmkommando, etwa „Tief“ oder „Down“ verbinden. Wenn mein Pferd den Kopf auf Kommando senken kann, frage ich die Übung anders, etwa indem ich meine Hand nicht in das Halfter, sondern auf das Genick des Pferdes lege. So kann ich mir z.B. auch das Auftrensen erleichtern. In den Sattel lässt sich die Übung auch übertragen, indem z.B. das Annehmen beider Zügel die Information für das Kopf senken wird.

Eine Übung benötigt ca. 1000 Wiederholungen, bis sie automatisiert abrufbar ist. Aber wenn das Pferd die Aufforderung verstanden hat, ist ein tiefer Kopf in 99% der Risikosituationen abrufbar.

Gut gelernt ist halb gewonnen

Die Situation auf dem Spaziergang hat mir wieder einmal gezeigt, wie gut uns eine Basis-Ausbildung am Boden tut. Wiebke ist auch ein Bodenarbeits-Crack und hat ihre Stute mit der gleichen Anforderung schnell wieder bei sich. Während der Hund an uns vorbeitobt, fragen wir bei unseren Pferden spielerisch das Weichen von Vor- und Hinterhand ab und beschäftigen sie damit. Die Stuten vertrauen uns und lassen sich auf das Spiel ein – der Fluchtreflex ist ausgeschaltet. Ich frage noch ein paarmal das Senken des Kopfes ab, bis wir uns auf den Heimweg machen. Was hätte alles passieren können – und wie gut haben unsere Stuten diese vermeidliche Gefahr gemeistert! Bringt euren Pferden die Übung „Kopf tief“ bei! Es dauert, aber es lohnt sich!

 

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8 Kommentare zu Kopf senken: eine Übung für (fast) alle Fälle

  1. Hi Akki, so ein schöner Artikel! Das erste Mal habe ich vom „Kopf runter“ bei Bernd Hackl gehört und war damals von der Idee begeistert, dem Pferd eine Entspannungshaltung anzugewöhnen für Stresssituationen. Ich LIEBE deine Punktgenaue Beschreibung. Und ich werde sie mir ganz sicher mit in den Stall nehmen, wenn meine Kleine dann da ist und mit ihr üben 🙂 Danke Dir und liebe Grüße, Petra

  2. Liebe Akki,

    das ist wirklich sehr wichtige Übung! 🙂 Ich habe mir angewöhnt diese Übung fast täglich ins Training einzubauen, inzwischen ist sie wie eine Art Belohnung für sich. Gerade mit hitzigen und schreckhaften Pferden ist das Kopfsenken echt Gold wert. Danke für den schönen Beitrag!

    • Fü(h)rPferd // 14. April 2015 um 14:36 // Antworten

      Vielen Dank Miri! Ja, die Übung hilft so sehr. Ich wünschte, viel mehr Menschen würden sie ihren Pferden beibringen – vor allem im Sinn der Pferde!

  3. Hallo Akki,
    die Übung – auch in Verbindung mit einem Stimmkommando – ist toll und ich werde sie auf jeden Fall in unser Trainingsprogramm integrieren! Unsere Beruhigung (und Belohnung) war seit Anfang an das Kraulen zwischen den Augen an der Stirn. Wenn ich da kraule, senkt der Ponymann auch den Kopf und entspannt. Aber ich denke, dass es sehr viel helfen kann, zusätzlich noch das Stimmkommando zu haben. Das werde ich von nun an mit einbauen. 🙂

    • Fü(h)rPferd // 12. Juli 2015 um 13:57 // Antworten

      Hi Karo,

      vielen Dank für deine Nachricht! Ja, ich liebe die Übung auch. Sie ist so hilfreich, vor allem bei aufgeregten Pferden. Dass dein Pferd den Kopf senke, wenn du kraulst, ist doch super! Doppelter Effekt :).

      Viel Spaß beim Üben,
      akki

  4. Hallo Akki
    Eine frage ich habe meinem auch das kopf senken beigebracht in dem ich sSstimm komando und gleichzeitig meine hand richtung ohren /kopf halte .Das problem ist er hält ihn nicht unten sondern zieht den Kopf ruckartig wieder hoch .!!!Hast du ein tipp für mich ?Danke und lg Lilli

    • Hi Lilli,

      diese Antwort zeigen viele Pferde! Sie haben dann zwar verstanden, dass sie den Kopf senken sollen, wollen aber nicht in der Übung bleiben. Mein Tipp: Halte deine Hand an der Stelle, von wo du die Übung abgefragt hast. Wenn das Pferd den Kopf senkt, „schwebt“ deine Hand weiter über dem Genick. Sobald der Kopf wieder hoch kommt, gibst du das Kommando wieder mit der Hand und deiner Stimme. Dann senkt das Pferd den Kopf wieder. Bleibe so lange in der „Schwebeposition“, bis dein Pferd nicht mehr den Kopf hebt. Dann lobe und veranlasse mit dem Seil, dass der Kopf wieder hochkommt.

      Viel Erfolg!

1 Trackbacks & Pingbacks

  1. Körpergefühl fürs Energiekarussell. |

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