Instinkthirn vs. Denkhirn: klassisch trainierte Pferde im NHS-Training

Im Natural Horsemanship ist das Training auf das Verständnis des Pferdes ausgerichtet. Der Trainer gibt eine Aufgabe vor und hilft dem Pferd, die richtige Lösung zu finden. Mit Hilfe dieses Systems versteht das Pferd die Aufgabe und lernt Eigeninitiative und Selbsthilfe.

Klassisch trainierte Pferde kennen Aufgaben eher als „pauken“. Wie beim Vokabeltraining wird etwas abgefragt, dass das Pferd ausführen muss. Das Pferd erkennt die Reiterhilfe als Anforderung und liefert die Reaktion. Meist ist dieses Verhalten durch negative Verstärkung trainiert, so dass das Pferd der Strafe (z.B. Druck mit der Gerte) entgehen will, die folgen würde wenn es die Anforderung nicht erfüllt. Beim Training mit positiver Verstärkung erfüllt es die Anforderungen, weil es ein Lob (z.B. eine Pause) erwartet.

Daraus ergibt sich eine Problematik im NHS-Training mit klassisch erzogenen Pferden. Wenn ein Pferd gelernt hat, dass es die Lösung einer Aufgabe nicht selbst suchen muss, kann ich nur schlecht mit Druckstufen arbeiten. Normalerweise stelle ich eine Aufgabe, nehmen wir die Hinterhandwendung wie folgt: Ich positioniere mich neben der Schulter des Pferdes und spreche mit Blicken und leichtem Fingerzeig die Hinterhand an. Diesen leichten Druck erkennt das Pferd, weiß ihn aber noch nicht zuzuordnen. Um zu verstärken beginne ich, meinen Finger im Takt zu schwingen und damit auf die Hinterhand zu weisen. Häufig weicht das Pferd schon jetzt, dann höre ich sofort auf und lobe. Falls nicht, verstärke ich in langsamen Druckstufen mit dem Seil: erst im Takt schwingend in Richtung Hinterhand, dann kreisend, bis das Seil das Pferd berührt. Spätestens jetzt weicht das Pferd mit der Hinterhand dem Druck zur Seite.

Bei klassisch trainierten Pferden stelle ich immer wieder fest, dass sie bei diesem Aufbau nicht zur Seite weichen sondern nach vorn schießen. Insbesondere das Training an der Longe erklärt den Pferden, dass Druck auf die Hinterhand das Tempo nach vorn erhöhen will. Wenn der Druck aber nun einzelne Körperzonen bewegen will, muss das Pferd erst verstehen dass es nicht immer mit „Vorwärts“ antworten soll. Als Fluchttier macht das „Vorwärts“ aber viel mehr Sinn. Außerdem ist hier nicht das Denkhirn trainiert worden, sondern es wurde das Instinkthirn genutzt. Das Pferd bemerkt die Berührung hinter sich bzw. an der Hinterhand und reagiert instinktiv mit „Vorwärts“, und der Mensch nimmt den Druck weg, so dass das Pferd belohnt wird.

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An der Stute Roani auf dem Foto erkennt man dies gut: Ich bekomme nur wenig Aufmerksamkeit von ihr, sie läuft lieber davon als zuzuhören.

Wenn ich nun diesem Pferd erklären möchte, dass die Aufgabe von ihm selbst gelöst werden muss, muss ich vor allem eins mitbringen: Zeit. Das Pferd muss als erstes erkennen, dass es sein Denkhirn einschalten muss, um die Aufgabe zu lösen. Sobald ich also die Flucht nach vorn erkenne, muss ich das Pferd ausbremsen und trotzdem weiterhin die Aufgabe stellen, d.h. den Druck aufrecht erhalten. Das erfordert eine sehr hohe Konzentration sowie genaue Einwirkung auf das Pferd.

Ziel des Trainings ist hier ganz klar die Erkenntnis des Pferdes, dass es über die gestellten Aufgaben nachdenken muss. Erst wenn mein Pferd versteht, dass ich nicht nur das „Vorwärts“ von ihm möchte, sondern es noch ganz andere Aufgaben mit Köpfchen lösen muss, kann ich zum weiteren Training übergehen. Denn wie soll mein Pferd ein Verlasspferd werden, wenn es in jeder erdenklichen Situation mit Flucht antwortet?

Roani steht noch ganz am Beginn ihres Trainings. Sie hab noch viel Zeit, in der sie in Ruhe lernen kann. Wir trainieren ihre Aufmerksamkeit auf die kleinen Hilfen. Sie wird immer weniger instinktiv handeln und immer mehr über ihre Möglichkeiten nachdenken. Jedes Pferd ist intelligent, und wir müssen ihre Intelligenz fördern! Dann können wir jeden Tag ein kleines bisschen mehr Stolz in ihren Augen entdecken.

1 Kommentar zu Instinkthirn vs. Denkhirn: klassisch trainierte Pferde im NHS-Training

  1. Wieder ein sehr interessanter Beitrag 🙂 Wo wir grad beim Vorwärts sind – irgendein Tipp wie ich Schnarchnase Shaman davon überzeugen kann an der Longe etwas flotter zu laufen? Er schleicht, das ist der Wahnsinn. Und lässt sich durch nix aus der Ruhe bringen, wenn er nicht will 😉 Muss dazu sagen, er hat es bei seiner Vorbesitzerin nicht gelernt, so bald er nicht mehr wollte, hat sie ihn stehen lassen. Unsere Hofbesitzerin hat uns dann geholfen. Das war eine Stunde Kampf ( 🙁 ) vom feinsten, dann ist der Knoten geplatzt und er wurde alle paar Schritte mit Pause und Stück Apfel belohnt. Als er noch besser atmen konnte, lief es auch besser, aber die letzten Monate wird es immer schlimmer.
    Liebe Grüße

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