„Ich dachte, das ist normal?“ – Wenn Rempelei zum Alltag gehört

Neulich war ich mit meiner Reitbeteiligung Katharina bei Suri. Katharina ist noch nicht so pferdeerfahren wie ich, aber sehr wissbegierig. Und auch wenn Suri definitiv eine Herausforderung für sie ist, nimmt sie alles gelassen und probiert, bis Suri ihrer Frage folgt.

Vertrauen im Umgang miteinander

Suri und ich haben eine sehr vertraute Umgangsform. Sie folgt mir (meistens 😉 ) frei, wenn ich sie von der Koppel hole. Eine kleine Einladung mit Stimme und Schulter reicht, und meine Stute kommt auf mich zugeschlurft (bloß nicht zu schnell, sonst sieht es noch so aus als hätte der Mensch die Kontrolle 😀 ) und erwartet etwas Schönes. Da sie die Herdenführerin ist, kommen meistens auch 2-3 Shettys mit. Wenn ich sie putze steht sie frei an der Heuraufe, wenn ich zum Reitplatz gehe folgt sie mir ohne ein Seil. Selbst der Rückweg vom Reitplatz zum Paddock verläuft so: ich lasse sie durch das Tor gehen, schließe das Tor und sie steht dann 2-3 Meter vor mir auf dem Weg und wartet auf mich. Wir erwarten voneinander, dass wir aufeinander achten. Und das klappt gut, ganz ohne Seilkontrolle.

Fotoshooting 31.12.2014 009

Vertrauen schafft Nähe

Neuer Mensch – neuer Versuch

Katharina ist natürlich noch nicht so vertraut im Umgang mit Suri. Da meine schlaue Stute das weiß, sieht man zwischen den beiden ein ganz anderes Bild: Suri tänzelt beim Putzen und fragt immer wieder, ob sie weggehen darf. Wenn die anderen Pferde kommen schickt sie diese weg, wird ruppig und wirft ihren Kopf. Und wenn die Situation nicht so läuft wie sie das will, schubst sie Katharina einfach mit der Schulter weg.

Ich habe diese Pöbelei meiner Stute beobachtet und habe Katharina gefragt, warum sie sich denn nicht wehrt? Suri boxt sie einfach zur Seite, und sie spricht sie ruhig an und greift in das Seil, um auf sich aufmerksam zu machen. Das reicht bei meiner starken Stute nicht: hier muss man deutlich werden, damit das aufhört! Auf meine Frage hin kam die erstaunliche Antwort: „Ich dachte, das sei normal? Das haben bisher alle Pferde so gemacht.“

Geht es nicht Vielen so? Rempelei wird zur Normalität

Mir fiel es wie Schuppen von den Augen: bei mir war das früher auch so! Ich hatte das völlig vergessen! Vor meiner intensiven Horsemanship-Ausbildung habe ich Pferde auch immer mit dem Seil kontrolliert, sie angebunden und wurde umgerempelt. Weil ich nicht präsent für sie war! Ich war nur der Futterspender / die Putzfrau / der Spazierführer, aber niemals ein ernstzunehmender Partner.

Ich habe Rina erklärt, dass das keineswegs normal ist. Wir müssen unseren Pferden erklären, dass wir nicht gerempelt werden wollen. Dass wir präsent sind und auch souveräne Führer sein können. Und zwar keinesfalls mit Schlägen, sondern mit Verständnis und Kommunikation!

Mit ein paar Handgriffen habe ich ihr gezeigt, wie man die Hinterhand des Pferdes bewegt (das habe ich auch hier beschrieben). Immer, wenn Suri sich nun etwas anderem zuwendet und dabei vergisst auf Rina Rücksicht zu nehmen, schickt sie ihre Hinterhand weg. Schnell merkt die Stute, dass sie hier nicht mehr die Chefin ist, sondern dass der Mensch die Führung übernommen hat. Nach ein paar „Tests“ ihrerseits achtet sie nun auf meine Reitbeteiligung, und rempelt nicht einfach drauf los.

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Souverän führen: ohne Seil, nur durch Kommunikation mit Körpersprache

Wir müssen überdenken, was für uns zum Alltag und zur Normalität geworden ist. Macht es Spaß, oder ist es für uns anstrengend? Müssen wir damit rechnen verletzt zu werden? Dann ist es Zeit umzudenken und das Training mit unseren Pferden neu zu gestalten. Denn selbst beim Putzen möchte ich nicht ständig auf mein Pferd achten, auch wenn es nicht angebunden ist. Und mit einem echten Partner macht die Zusammenarbeit viel mehr Spaß als mit einem Untergebenen!

14 Kommentare zu „Ich dachte, das ist normal?“ – Wenn Rempelei zum Alltag gehört

  1. Hallo und einen wunderbaren Tag Euch und Euren Lieben, mit vielem in dem Artikel bin ich einverstanden – ich bin auch nicht einverstanden wenn ein Pferd rempelt

  2. Antoinette Hitzinger // 5. Februar 2015 um 01:49 // Antworten

    sorry, das wurde nicht vollständig geladen…
    Der letzte Abschnitt birgt für mich jedoch einen Widerspruch: Du magst nicht ständig auf Dein Pferd achten beim Putzen auch wenn es nicht angebunden ist. Okay, das ist für mich eine klare Ansage um nicht zu sagen ein indirekt ausgesprochener Befehl. Steht sie nicht still, wird sie gemassregelt, wenn auch pferdisch. Oder denkst Du sie bleibt stehen weil sie sich überlegt, dass das für Dich sonst mühsam ist, wenn Du ihr nachlaufen musst? Allenfalls bleibt ein Pferd sehr ruhig stehen von sich aus, wenn es das Putzen, die Berührungen geniesst oder spürt, dass sie ihm gut tun. Was wiederum Aufmerksamkeit voraussetzt. oder wirst du gerne gedankenlos berührt? Im letzten Satz, sagst Du dann, dass mit einem echten Partner das Zusammensein mehr Spass macht als mit einem Untergebenen sprich Befehlsempfänger. Das geht für mich nicht auf, so wie Du Deine Handlungsweise oben beschrieben hast. Sorry.

  3. Fü(h)rPferd // 5. Februar 2015 um 11:23 // Antworten

    Hi Antoinette, danke für deinen tollen Kommentar! Da habe ich mich im letzten Absatz nicht richtig ausgedrückt: es geht mir nicht darum, dass meine Suri wie ein Zinnsoldat für mich parat steht ;). Sie genießt das Putzen sehr, sie ist da ein richtiges Kuschelmädchen! Es geht mir darum, dass sie die Verantwortung, das „auf uns aufpassen“ in diesem Moment an mich abgibt. Ich möchte nicht, dass sie in diesen gemeinsamen Momenten die Gegend auf mögliche Gefahren abscannt, so wie eine Leitstute das tut. Sie soll sich auf mich verlassen und in dem Moment bei mir sein. Das geht aber nur, wenn sie meine Leitung in der Zweier-Herde (Mensch-Pferd) anerkennt. Das Wegschicken der Hinterhand hat nichts mit Maßregeln zu tun. Die Frage beim Pferd ist immer: wer bewegt wen? Und wenn ich sie bewege, habe ich automatisch die Führung übernommen. Diese Führung dauerhaft anzuerkennen, darum geht es.
    Vielen lieben Dank, dass du hier nachgefragt hast! Ich hoffe, so ist es verständlich?
    Liebe Grüße,
    akki

  4. Antoinette Hitzinger // 5. Februar 2015 um 11:43 // Antworten

    Liebe Akki, ja das tönt schon anders:-) Allerdings bin ich sehr am Zweifeln, was die ganzen Führungstheorien angeht – und scannen tut eigentlich der Leithengst, nicht die Stute, die führt die Herde zu den besten Weideplätzen, dem Wasser etc.
    Ich glaube, dass da viele Theorien dahinterstecken, die sich unser Menschenhirn so zurecht legt, um es sich besser vorstellen zu können. Das machen wir immer, auch in der Wissenschaft. In Wirklichkeit ist es wohl noch um einiges komplexer und vieles wird über so feine Sensoren von den Pferden verstanden, dass wir das gar nicht richtig mitkriegen.
    Und doch, für mich ist das eine Art von massregeln, die Hinterhand wegzuschicken, das heisst quasi: he hast du vergessen, dass ich hier Dich bewege und nicht umgekehrt? Ich bin nicht grundsätzlich eine Gegnerin von „massregelen“, das passiert laufend auch in der Herde, aber ich finde es immer besser, wenn ich mir bewusst bin, was ich tue. Beim Putzen mach ichs mir einfach einfacher und sag: So jetzt bleib einfach mal stehen Freund. Und das begreifen die auch:-) Ich sehe einfach sehr oft in der NHS – Umgebung, dass vermeintliche Partnerschaft mit Pferden für meine Wahrnehmung ein völliges Marionetten-Gehampel ist. Sorry für diesen extremen Ausdruck. Aber man redet es sich schön. Ich will jetzt nicht sagen, dass das bei Dir so ist, ich habe Dich noch nie gesehen mit Deinen Pferden, hab also keine Ahnung. Aber Dein letzter Satz ging für mich in diese Richtung, deshalb hab ich ihn angesprochen:-)
    Ich finde das so schade, wenn es so rauskommt. NHS – Leute investieren so oft so viel Zeit, Aufwand, Liebe ja und auch Geld und üben mit ihren Pferden (was man von vielen anderen nicht so behaupten kann) und am Schluss kommt so was trauriges raus. Da könnt ich heulen, echt. Und wie ich aus persönlicher Erfahrung weiss, ist unsere bewusste Wahrnehmung wie der Chef eines grossen Konzerns – und kriegt nur die Telefonanrufe und die Mails durchgestellt, die die Vorzimmerdame als wichtig empfindet. also müssen wir dieser enorm wichtigen Dame sagen, was wir gerne durchgestellt bekommen. Und das versuche ich unter anderem in meiner Arbeit mit den Pferden den Menschen zu vermitteln: Wenn Du nichts von alle diesen Konzepten und Theorien von Führung und Herdenhierarchie etc. wüsstest, was würdest Du wahrnehmen? Spür hin.
    In diesem Sinne allerherzlichste Grüsse
    Antoinette

    • Fü(h)rPferd // 5. Februar 2015 um 12:40 // Antworten

      Hallo Antoinette,
      ja, oft kann man in einem kurzen Artikel nicht alles unterbringen :). Aber gut, dass du gefragt hast und wir das klären konnten.
      Unsere Herden-Theorien sind tatsächlich sehr menschlich. Es ist schwer, die Pferdesprache zu interpretieren und einen Platz für uns Menschen zu finden. Genau darum geht es ja in fast allen meinen Artikeln: Erkenne, was dein Pferd dir sagt, und lauf nicht einfach blind drauf los. Finde deine Position mit deinem Partner Pferd, und werdet ein Team! Genau das probiere ich mit Suri.
      Natürlich stimmt es, viele NHS-Anhänger probieren rum und kommen zu keinem Ziel. Daher gibt es viele tolle Seminare und Kurse, auch ganze Ausbildungsprogramme zu dem Thema. Ich fahre selbst, auch nach meiner Ausbildung bei Thomas Günther, immer wieder zu verschiedenen Trainern und bilde mich weiter. Viele vereint das gemeinsame Ziel, dem Pferd etwas Gutes zu tun, seine Gesundheit und Psyche zu fördern. Ich weiß, dass ich immer wieder lernen und mich weiterbilden kann. Es ist ein stetiger Lernprozess. Und diesen Weg möchte ich hier öffentlich machen. Damit viele den Mut haben, diesen Weg auch zu gehen.
      Das Bild mit der Vorzimmer-Dame ist wunderbar, das bewahre ich mir gern.
      Liebste Grüße,
      akki

  5. Zunächst einmal zu dem Artikel: Ich finde das ein super Thema. Mir geht es so oft so. Nicht nur mit den Pferden, sondern auch im restlichen Leben. Manche Dinge schleichen sich einfach ein und irgendwann merkt man es gar nicht mehr, dass da was falsch läuft. Und gerade mit unseren Pferden ist das natürlich schade. Deshalb: Super, dass Du das angesprochen hast.
    Und zu eurer Diskussion: In jeder, jeder, jeder Reitweise und Art zu Arbeiten gibt es schwarze Schafe. Es gibt sie, die Horsemanshipler, die (vielleicht sogar unbewusst) ihr Pferd unterdrücken. Genauso gibt es Menschen, die „Freiarbeit“ machen und ihre Pferde dabei wie Marionetten behandeln. Und es gibt Schüler der Légèrete, die ihre Pferde mit hoher, unruhiger Hand völlig aus dem Gleichgewicht bringen. Sind all diese Arten zu arbeiten deshalb schlecht? Nein. Ich finde es sehr wichtig nicht eine ganze Sparte zu verteufeln, weil einige etwas unschönes draus machen. Viele Elemente aus dem Horsemanship sind absolut sinnvoll und natürlich und haben nichts damit zu tun ein Pferd zu unterdrücken. Mit meiner sehr selbstbewussten Reitbeteiligungsstute mache ich auch immer mal wieder Horsemanship und sie hat ganz offensichtlich großen Spaß daran. Ich bin keine Horsemanship-Vertreterin, wie ihr wisst glaube ich ja nicht an die eine richtige Reitweise, sondern suche nach dem individuellen, für uns richtigen Weg. Ich habe aber genug Ahnung von Horsemanship, um auch danach zu arbeiten. Und ich kann nur sagen: Mit der richtigen Einstellung und Aufmerksamkeit ist das eine riesige Bereicherung.
    Liebe Grüße,
    Sophie

  6. Antoinette Hitzinger // 5. Februar 2015 um 12:15 // Antworten

    Hallo Sophie,
    Du hast selbstverständlich recht – vielleicht ist es sogar so, dass jede Methode für sich allein zu Verirrungen führen muss, weil sie von jemandem entwickelt wurde, für den sie stimmig ist und der ja laufend weiter entwickelt. Aber eine reine Kopie ist immer nur ein Teil.
    Und ich seh das genauso, die Methode ist für mich völlig zweitrangig, überall finde ich Dinge die mich ansprechen und andere, die mich nicht ansprechen.
    Herzliche Grüsse
    Antoinette

  7. Hi Antoinette,

    das ist ein interessanter Gedanke, dass eine Kopie immer nur ein Teil ist. Ich habe zwar immer das Gefühl, dass ich in verschiedene Richtungen schauen muss, aber so habe ich noch nie drüber nachgedacht. Darf ich den Gedanken vielleicht mal für einen Artikel klauen? Ich bin gerade ganz inspiriert. 🙂
    Ich glaube, jeder bringt immer auch etwas eigenes ein, wenn er nach einer bestimmten Methode arbeitet. Manchmal ist das super, manchmal eben nicht.
    Liebe Grüße,
    Sophie

  8. Fü(h)rPferd // 5. Februar 2015 um 12:46 // Antworten

    Hi Sophie,
    so sehe ich das auch. Es gibt nicht „den einen richtigen Weg“, sondern immer nur den individuellen, für mich Richtigen. Den müssen wir finden. Diese Suche ist schwer und steinig, manchmal unbequem, weil wir uns selbst Fehler eingestehen müssen. Aber er ist bereichernd und schenkt einem wunderschöne Momente. Ich bin ausgebildete Springreiterin, habe NHS gelernt und probiere mich nun im alten Westernstil. Die Mischung machts! Und wenn ich weiß, dass Gewalt und hoher Druck nichts am Pferd zu suchen haben, ist mir schon viel geholfen. Wobei ich auch nicht mit Wattebäuschen werfe, denn ohne eine gewisse Form des Auftretens hätte Suri mich schon längst platt gemacht ;).

  9. Antoinette hitzinger // 5. Februar 2015 um 12:49 // Antworten

    Ach ist das toll mit Euch beiden, Akki und Sophie, zu fachsimpeln:-)
    Danke von herzen! Deshalb hab ich auch Eure blogs abonniert

  10. Antoinette hitzinger // 5. Februar 2015 um 12:51 // Antworten

    Da kommen immer nur die 2 ersten Zeilen wenn ich vom handy schreibe… Ja sophie klau nur

  11. Mir auch! 🙂 Ich freu mich immer so, dass das mit euch auch so möglich ist. <3 Danke dafür!

  12. Und danke, dass ich klauen darf liebe Antoinette! 😉

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