Folge 1: Fokus, Führen und freies Folgen

Zum Kennenlernen und am ersten Trainingstag gehe ich mit den Pferden einzeln auf den Platz. Am besten eignet sich für diese Arbeit ein Roundpen, aber ein gut eingezäunter, nicht zu großer Platz tut es auch.

Ziel des Tages
Die Pferde sollen sich auf mich fokussieren und sich mir freiwillig anschließen. Pferde sind Herdentiere. Sie überprüfen in jeder Beziehung (auch in der zum Menschen), wer die Führung übernehmen kann. Für ein Pferd ist es sehr wichtig, ob es für sich und seinen Partner verantwortlich ist oder ob der Partner diese Rolle übernimmt. Die Führungsstärke des anderen wird ausgiebig geprüft: schon kleinste Schwächen können den Partner als zu schwach ausweisen, und das Pferd legt sein Leben lieber nicht in die Hände eines anderen. Ich muss die Tiere also davon überzeugen, dass ich eine starke Führungsperson bin. Außerdem sollen sie sich auf mich konzentrieren, ihren Fokus auf mich legen. Nur wenn ich führe prüfen sie nicht das Umfeld, sondern verlassen sich auf meine Entscheidungen.

Training:
Ich übe zuerst mit Chick. Er ist ein bewegungsfreudiges Tier und läuft sofort los als ich den Strick löse und ihn von mir wegschicke. Seinem Charakter entsprechend trabt er mit großen Schritten an mir vorbei und zeigt mit erhobenem Kopf und Schweif seine Ansprüche. Er ist ein typischer Halbstarker und testet seine Grenzen.

Zu Beginn beobachte ich das Schauspiel nur, dann beginne ich seine Richtung zu bestimmen. Sobald er versucht an mir vorbei zu traben, um an der anderen Zaunseite mit seiner Herde zu kommunizieren, schließe ich die Tür in diese Richtung, indem ich meinen Körper dorthin drehe und mit dem Seil den Weg blockiere. Chick stoppt abrupt, dreht auf den Hinterbeinen und galoppiert in die andere Richtung. Insgesamt diskutieren wir eine geschlagene Stunde, bis er sich entscheidet sich mir anzuschließen. Immer wieder schließe ich Durchgänge (also den Weg, den Chick gerade nehmen möchte), blockiere und bestimme so seine Laufrichtung. Nach wenigen Minuten kann ich ihn bereits mit kleinster Körperbewegung wenden. Er zeigt machohaft seine Gänge, spielt sich richtig auf und stoppt auch mit vollem Körpereinsatz.

Übung: Das Pferd einladen

Damit das Pferd weiß, dass es sich mir anschließen darf, gehe ich so vor:

  1. Auf die Ohren achten: wenn sich das Pferd auf mich konzentriert, gehen die Ohren in meine Richtung. Evtl. dreht das Pferd auch den Kopf zu mir.
  2. Dieser Moment muss sofort genutzt werden: sobald die Konzentration bei mir ist, drehe ich mich abrupt weg und gehe evtl. ein paar Schritte in die andere Richtung.
  3. Dabei auf das Pferd achten: wenn es stoppt, ist der erste Schritt getan. Dann kommt das Pferd auf mich zu und folgt mir sogar, wenn ich loslaufe.
  4. Wenn es nach dem Stopp nicht kommt, sondern sich entscheidet die Konzentration auf etwas anderes zu richten, schicke ich es sofort wieder los. Die Pause gibt es nur, wenn es dabei konzentriert bei mir ist. Dann folgt wieder Punkt 1.

Chick möchte sich nicht einfach anschließen, er testet mich bis auf den kleinsten Zentimeter. Immer wieder biete ich ihm durch Wegdrehen des Körpers und Einladen über die Schulter meine Nähe an, aber er braucht lange bis er sich entschließt zu mir zu kommen. Doch nach einer Stunde ist es geschafft: Chick ist überzeugt, dass ich souverän führen kann und kommt zu mir. Er stellt sich schwer atmend neben mich (sein Tempo hat er die ganze Zeit selbst bestimmt, ich habe ihn nicht gescheucht!) und senkt den Kopf. Ich streichel ihm sanft über den Kopf.

Chick 1

Chick schließt sich mir an.

Nun kommt die zweite Hürde: Ich möchte ihn überzeugen, dass, egal was passiert, es bei mir besser ist als allein. Also beginne ich erst sanft mit den Händen auf seinem Körper zu klopfen. Er lässt es brav geschehen und ich kann ihn sogar umrunden. Ich gebe ihm eine kurze Pause, um das Geschehene zu verarbeiten. Er leckt und kaut und senkt leicht den Kopf, um sich zu entspannen.

Als nächstes nehme ich das Seil und beginne, es leicht gegen ihn zu werfen. Ich möchte ihm zeigen, dass ich mit dem Seil nicht nur seinen Weg begrenzen und ihn treiben, sondern auch sanft einwirken kann. Zuerst ist Chick sehr skeptisch, weicht und dreht seinen Körper von mir weg. Aber nach einiger Zeit entspannt er sich und ich kann das Seil über seinen kompletten Körper bewegen. Mit leichten, rhythmischen Bewegungen fällt das Seil auf seine Kruppe. Wenn er nicht zuckt gebe ich ihm eine Denkpause, bis er leckt und kaut. Dann geht es über den ganzen Körper weiter, bis ich beide Seiten abgeklopft habe.

Chick 2

Chick übergibt mir die Führung.

Am Ende der Trainingseinheit steht Chick entspannt neben mir. Sobald ich losgehe folgt er prompt, läuft mit mir im Gleichschritt und bleibt wieder stehen wenn ich stoppe. Jetzt vertraut er mir und übergibt mir die Führung. Auf dieser Basis kann das weitere Training folgen.
Als nächstes kommt Sito zu mir. Er ist ein völlig anderer Charakter: selbstbewusst, auch in der Herde in der oberen Rangfolge, läuft er völlig gelassen frei um mich herum. Er versteht schnell was ich von ihm möchte, lässt mich die Richtung bestimmen und nimmt nach wenigen Runden im Trab die Einladung zur Pause neben mir an. Er testet wenig und erkennt schnell meine Körpersprache. Obwohl er als ehemaliges Schlachtfohlen schon viel Negatives mit Menschen erlebt haben muss, hat er eine grundlegend positive Einstellung. Es macht Spaß mit ihm zu arbeiten, er ist wendig und sehr trittsicher.

Die Übung mit Sito dauert keine halbe Stunde. Fix steht er neben mir und genießt die Ruhe und die Tatsache, dass ich die Führung übernehme. Er schließt sich schnell an und folgt mir. Es wirkt als würden wir das jeden Tag machen und nicht gerade zum ersten Mal aufeinander treffen.

Sito 2

Sito schließt sich schnell an und folgt mir über den Platz.

Das Abklopfen lässt er ruhig und entspannt über sich ergehen. Er scheint meine Hände und die Nähe zu genießen und ich umrunde ihn, während er entspannt den Kopf senkt.

Dann kommt die nächste Hürde: das Abklopfen mit dem Seil. Seine Entspannung weicht ein wenig: Allerdings liegt das daran, dass Sito sehr kitzelig ist! Sobald das Seilende auf seiner Schulter liegt zuckt er wie verrückt und versucht die angebliche „Fliege“ zu vertreiben. Laut seiner Besitzerin ist das erst seit wenigen Wochen der Fall, vorher hat ihn so etwas nicht gestört. Ich übe mit ihm am ganzen Körper und er lässt es sich gefallen, ist aber sehr missmutig. Schließlich beende ich die Übung, weil Sito sich sehr anstrengt alles richtig zu machen. Hier haben wir eine neue Baustelle entdeckt: Sito muss noch mehr desensibilisiert werden.

Sito 1

Das kitzelt! Sito weicht dem Seil aus und dreht mir den Kopf zu.

Insgesamt haben beide Pferde sehr gut mitgearbeitet. In den nächsten Tagen werden ihre Besitzerinnen das Gelernte festigen. Ich bin schon sehr gespannt, wie sie sich beim nächsten Mal schlagen werden!

4 Kommentare zu Folge 1: Fokus, Führen und freies Folgen

  1. Hi, ich durchstöbere grade sehr interessiert deine Seite. Ich habe einen kleinen halbstarken von drei Jahren und suche mir grade Hilfestellungen zwecks Führung, Vertrauen, Regeln.
    Zum oben beschrieben Artikel: Ist das Pferd die ganze Zeit frei bei dir? Auch wenn du mit dem Seil seinen Körper streifst? Was machst du wenn das Pferd nicht von alleine sich bewegt, treibst du dann doch? Oder wenn es zwischen durch wieder abgelenkt ist, nachdem es schon bei dir war?

    Liebe Grüße

    • Fü(h)rPferd // 30. Juli 2015 um 08:48 // Antworten

      Hi Davina,

      ich freue mich, dass dir meine Seite gefällt und dir die Tipps zur Pferdeausbildung helfen!
      Zu deinen Fragen:
      1. Wenn ich das Pferd frei lasse und es bei mir bleibt, ist das eine gute Ausgangsbasis. Chick und Sito haben sich ja sofort entfernt, weil sie mich nicht kannten. Wenn dein Pferd dich schon gut kennt, wird es dir vielleicht direkt folgen. Das ist schön, denn es vertraut dir bereits und lässt sich frei führen. In diesem Fall kannst du deinem Pferd die Aufgabe geben, sich zuerst von dir zu entfernen, um es dann wieder einzuladen. Beim Wegschicken drehst du dich – wie beim klassischen Longieren – neben deinem Pferd stehend in seine Richtung (deine Front zur Seite des Pferdes). Zeig mit deinem Arm die Laufrichtung an und wirk leicht treibend mit dem Seil hinter das Pferd ein. Pass auf, dass du genug Abstand hast, damit du bei einem Schlenker nicht umgerannt wirst. Wenn dein Pferd ein paar Schritte frei läuft, lädst du es wieder ein.
      2. Wenn mein Pferd bei mir ist, und dann abgelenkt wird, lass ich es zuerst gehen. Gerade junge Pferde können sich noch nicht lange konzentriere. Eine Trainingseinheit sollte immer wieder von Pausen unterbrochen werden und, wenn dein Pferd konzentriert mitmacht, nicht länger als 20min dauern. Chick hat bei unserer ersten Einheit nur deshalb eine Stunde gebraucht, weil er so viel Energie hatte und sich ausgepowert hat. Ich hätte das nicht initiiert – er hat sich selbst dazu entschieden. Wäre er früher meiner Einladung gefolgt, hätten wir auch eher aufgehört.
      3. Ja, Chick und Sito habe ich frei stehen lassen. Es gibt Pferde, die sehr nah beim Menschen sind und auch eine gute Kinderstube hatten. Die können diese Übung frei absolvieren, ohne ängstlich davonzulaufen. Mit anderen Pferden würde ich diese Übung aber nicht in der ersten Trainingseinheit absolvieren. Es kommt immer auf das einzelne Pferd an.
      Außerdem ist es wichtig, dass du ganz langsam mit dem Seil anfängst. Zuerst berührst du dein Pferd nur mit dem Seil am ganzen Körper, ohne es zu schwingen. Das allein kann für viele Pferde schon eine schwere Übung sein, vor allem wenn sie eher ängstlich sind. Das leichte Schwingen übt auf das junge Pferd schon viel Druck aus. Wenn du merkst, dass dein Pferd einen starken Charakter hat, ist das eine tolle Übung.

      Ich hoffe, ich konnte dir helfen und wünsche dir viel Erfolg mit deinem Jungpferd!
      Liebe Grüße, akki

  2. Hallo, ich finde Deine Seite echt toll und hilfreich. Ich habe auch einen bewegungsfreudigen jungen Teenie. Ich habe heute mit ihm diese Übung gemacht und er hat schnell begriffen, was ich wollte. Zwar immer noch ein wenig skeptisch, aber er folgte mir. Wie oft wiederholst Du diese Übung? Ich habe heute mit Erfolg aufgehört. Sollte ich diese Übung noch öfter mit ihm machen?
    Liebe Grüße

    • Fü(h)rPferd // 3. Februar 2016 um 09:07 // Antworten

      Hi Anja,
      herzlichen Glückwunsch zu deinem jungen Pferd! Wie schön, dass das freie Folgen bei euch auch klappt. Ich habe da keinen Trainingsplan, sondern baue die erlernten Übungen immer wieder ein. Da das Training nach NHS auf die natürliche Pferdekommunikation abgestimmt ist, haben die Pferde schnell Spaß daran und machen gerne mit. Es ist nur wichtig, immer auf die Reaktionen und Signale zu achten, damit wir die Jungpferde nicht überfordern.
      Viel Spaß!

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