Einfach mal loslassen! Ein Plädoyer für weniger Perfektion

Ständig mache ich mir Gedanken und Sorgen. Eigentlich bin ich ein relaxter Mensch, nur wenn es um meine eigenen Tiere geht drehe ich durch. Bei meinem Hund habe ich Angst, dass er Giftköder frisst oder nochmal krank werden könnte (er hatte als Welpe eine Hirnhautentzündung und ist nur knapp dem Tod von der Schippe gesprungen). Bei Missouri sehe ich ständig irgendwelche körperlichen Dramen. Nach den Sarkoiden, die wir gut in den Griff bekommen haben, wechseln sich Hufe, Muskulatur und Bewegungsapparat ab. Mal ist es Huffäule, dann Verspannungen oder unregelmäßiges Laufen… irgendwas ist immer.

Und so sehe ich mein Pferd auch an. Wenn ich zu ihr komme, schaue ich als erstes in ihr Gesicht. Hat sie Schmerzen? Ist sie verspannt? Wenn sie mich fröhlich anschaut, sehe ich mir ihre Bewegungen an. Lahmt sie, oder läuft sie irgendwie klemmig? Zuckt sie beim Putzen zurück? Wirft sie beim Satteln den Kopf hoch? Ich kann mich kaum erinnern, dass ich sie einfach mal entspannt und ohne Hintergedanken angesehen habe.

Letzte Woche saß ich in ihrer Box. Suri trägt zur Zeit täglich für 30 Minuten eine Magnetfelddecke (damit sich ihre Rückenmuskulatur entspannt). In dieser Zeit setze ich mich zu ihr und beobachte sie. Meist tippe ich parallel in mein Handy, aber an diesem Tag war mein Akku leer. Missouri frisst ihr Heu, geht zum Wasser, trinkt und kommt mit dem tropfenden Maul auf mich zu. Ich sehe sie förmlich grinsen, als sie Maul sanft an meinen Kopf drückt und das Wasser über meine Mütze laufen lässt. Ich lache los und schaue sie an. „Sei nicht so streng mit uns!“ scheint sie zu sagen. Und sie hat recht.

Es ist Zeit loszulassen. Ich tue schon alles was ich kann, damit es ihr körperlich gut geht. Wie soll sie sich wohl fühlen, wenn ich ständig nach Baustellen suche? Natürlich werde ich nicht einfach aufhören können. Der prüfende Blick wird mich immer begleiten. Aber ich kann uns Momente schaffen, in denen es nur um uns geht. Zwei Individuen, die sich ein Stückchen im Leben begleiten. Diese Zeit soll mit Spaß und Freude erfüllt sein, nicht mit Zweifel und Sorgen. Denn das merkt mein Pferd natürlich.

Daher habe ich mir jetzt eine Hausaufgabe aufgegeben. Sie heißt „fröhlich sein und nicht zweifeln“. Es ist eine schwere Aufgabe, aber ich werde jeden Tag ein Stückchen besser. Früher dachte ich, ich würde mein Pferd trainieren. Heute zweifle ich daran… wer hilft hier eigentlich wem? 😉

6 Kommentare zu Einfach mal loslassen! Ein Plädoyer für weniger Perfektion

  1. Kenne ich. Vor lauter Beobachten und genauem Hinschauen sehe ich dann den Wald vor lauter Bäumen nicht. Kopfschütteln beim Satteln wird dann zum Indikator für ein Magengeschwür. Und meine Güte mache ich mir gerade einen Kopf, dass er das Bosal akzeptiert. Jedes Mal, wenn ich mit dem Ding komme, bete ich, dass er den Kopf nicht wegdreht und sagt: „nein, will ich nicht“. Prinzipiell ist es ja total richtig und wichtig, das Verhalten seines Pferdes ernst zu nehmen. Aber überinterpretieren uns auch hilft nicht.

    • Hi Nadja,
      dass du das kennst wusste ich irgendwie ;). Klar ist es richtig, diese Dinge zu sehen. Aber wenn ein Kind zu Gemüse „nein“ sagt, versuche ich ja trotzdem, es ihm schmackhaft zu machen, oder?
      Liebe Grüße!

  2. Hallo – ich muss dir sagen dein Bericht trifft mich total! ich hab nämlich gerade GENAU das selbe Thema. Ich hab mir auch vorgenommen wieder mehr zu genießen und mit einer anderen Einstellung zum Pferd zu fahren! Dein Bericht spricht mir aus der Seele – irgendwie schön zu hören dass es auch noch andere Menschen gibt die so lieblich-verquer denken!
    Ich bin aber sehr guter Dinge – wenn man´s erkennt ist es doch schon der erste Schritt in die richtige Richtung!

    • Hallo Christina,

      vielen Dank! Ja, ich denke wir sind alle ein bisschen verquer ;). Ich freu mich, dass wir uns hier tummeln.

      Ich wünsch dir viel Spaß und viele Schritte auch in deine richtige Richtung mit deinem Pferd 🙂

  3. Maria Fröhlich // 22. Dezember 2015 um 05:19 // Antworten

    Hallo dein Bericht spricht mir aus der Seele, sehe an meinem Pony auch viele Gespenster, was ja auch verständlich ist nach hufrehe,hufrollenentzündung und EMS beobachte ich mein Pony sehr genau. Lahmt sie oder geht sie zappelig, Diät ist wegen EMS unser ständiger Begleiter, sie klebt förmlich an mir wenn wir spazieren gehn.
    Da hatte ich letztens ein Aha Erlebnis als ich sie gedanklich los ließ entfernte sie sich von mir ging in 2m Abstand neben mir her, beobachtete die Umgebung, ein Ohr bei mir aufmerksam und selbstbewusst, dass war ein wunderbares Erlebnis für uns beide.
    Gglg.maria und spirit

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